FOODS OF LONDON 5: Clerkenwell & The Eagle

„Ins Pub?” Überzeugt scheint mir Christoph nicht zu sein, als ich ihm noch in Notting Hill von den Plänen für den Abend erzähle, oft bleibt er vor den Speisekartenschaukästen der hübschen Italiener und Franzosen am Eck stehen, die wir auf dem Weg zur U-Bahn passieren. Ach komm, sag’ ich, dass Zuma gestern war Dein Tipp, für den ich Dir sehr dankbar bin, aber heute bin ich dran – und unser Mittagessen war schon mal nicht übel, oder? „Na gut”, sagt der Mann, der jedes Drei-Sterne-Catering auf den Formel-1-Stecken der Welt kennt und Witzigmanns Privatküche dazu, der im Hangar 7 im Stammgastbuch steht und in seinem Weinkeller Dinger liegen hat, also…

Was er aber nicht weiß: dass die britischen Pubs inzwischen mehr zu bieten haben als „bangers & mash” (Würstchen mit Püree) oder „meatpie & gravy” (Fleischpastete mit dickbrauner Soße) zu warmem Bier ohne Schaum. Vor gut zehn Jahren beschlossen ein paar junge Wirte, die britischen Traditionskneipen nicht nur den Dumpftrinkern und Mistfressern zu überlassen und stellten ordentliche Weine ins Regal, schrieben herzhafte Gerichte auf die Tafel, die gut in eine römische Trattoria, madrilenische Tapas Bar oder in ein Pariser Bistro passen würden, kreuzten das schließlich mit der eigenen Küche und schufen so das „Gastro-Pub”, wo Leute, die auch mal ein Buch und nicht nur die „Sun” lesen, sich wohl fühlen können.

„Ins Pub…” Auch Lea schien sich den Abend erst mal anders vorgestellt zu haben. Sie ist aus München nach London gekommen, um ab Herbst am so verdammt berühmten wie guten St Martin’s College for Arts & Design in Clerkenwell zu studieren und verbringt die Wochen bis dahin mit Jobs bei einer verdammt berühmten und guten Agentur ganz in der Nähe. Und weil sie dort in der Nähe auch noch mit ihrem verd…, nein, einfach nur guten Freund wohnt, haben wir uns zur fortgeschrittenen Teatime im „Flaneur” verabredet – einer sehr schicken Food-Kathedrale, in deren haushohen Regalen und ausladenden Vitrinen wirklich nur das Allerbeste aus der Welt und ein wenig auch aus England ausgestellt wird. Die wenigen Kunden hier drinnen flüstern, als wir von der brüllenden Straße (nichts für Flaneure) hereingeweht werden, an der Bar haben sich Koch und Geschäftsführer mit Unterlagen ausgebreitet, auf absurd riesigen Stühlen hockend, die jeden wie einen Zwerg aussehen lassen. Wir lassen die Männer vertreiben, nehmen einen Kaffee, schauen auf die interessante Karte und dann wird mir klar, dass wir hier raus müssen, wenn das ein guter Abend werden soll.

Es gibt ein Buch, dass jeder Foodie haben sollte, der nach London fährt: „London Food” von Gabriele Gugetzer, die lange hier gelebt hat und in diesem sehr eigenen Führer so praktisch wie stilvoll in kurzen, durch reiche Servicekästen und schöne Bilder ergänzten Reportagen mit Stil durchs kulinarische London führt – vom Fleischmarkt bis zu Fortnum & Mason, von Fish & Chips bis Gordon Ramsay. Auf der Rückseite dieses Buchs ist ein Foto, das mich jedes Mal aufs neue fasziniert und das ich ganz oben mal nachgestellt habe. Es ist die Thekenküche vom Pub „The Eagle”, das schon Gastro-Pub war, bevor es so etwas überhaupt gab. Und das liegt nur ein paar Blocks entfernt vom „Flaneur”. Und da marschieren wir jetzt hin, bitteschön!

Tja, was soll man noch viel sagen? Wir fanden einen schönen Tisch im Eck, von dem aus alles bestens zu sehen war, wir holten uns Cider und Ginger Beer von der Bar, wo man nach englischer Sitte gleich zahlt (immer der, der holt, was immer ein anderer sein sollte, bis es wieder von vorne los geht), wir orderten und zahlten unser Essen, das dann hinter der Theke gekocht und uns gebracht wird, wir nahmen auch noch Kaffee, der hier direkt aus der italienischen Alukanne am Tisch eingeschenkt wird, wir reden über englische Sitten und Unsitten, London an sich und ob das hier nicht auch was von einem Kaffeehaus, Gasthaus und einer Garküche hat, reden immer lauter, weil es immer voller wird, während der Regen draußen zurückkehrt und vorne an der Bar ein kleiner Junge Limo und Chips genießt und es im Flaneur wahrscheinlich auch summt und brummt, distinguierter natürlich. Another bright night. Und Christoph, der ja auch beim Superjapaner sein Bier schätzt und Dieter Müller ohnehin für überschätzt hält? Findet’s auch klasse. Manchmal muss man halt überzeugen. Aber seht selbst:


Essen, komm’ bitte


Räuchermakrele mit Bohnen, Kartoffeln und Etwas (mit Petersilie und Meerrettich)


One last coffee, please.


Another last bite, please (Bresaola mit Parmesan)


Last shout! (Cider)


Betthupferl (sehr, sehr schön gemachtes Kochbuch mit herrlich künstlich schmeckendem Caramel Crunchie)

The Eagle
Bistro, Bar, Kaffeehaus, Garküche, Kneipe – das Eagle ist ein kraftvoller Vertreter des englischen Gastro-Pubs, in dem man bei geradliniger Küche zu Bier, Wein und Cider den Abend mit den ausgehfreudigen Jungs und Mädels des Viertels rumbringen kann, das moderner ist als es aussieht.
London-Clerkenwell, 159 Farringdon Road, EC1R 3AL
Tel. +44 20 7837 1353

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Eine Antwort auf FOODS OF LONDON 5: Clerkenwell & The Eagle

  1. Kaffeebohne sagt:

    Ich als Durchschnittsesser würde gar nicht auf die Idee kommen, in England wo anders zu essen als im Pub. Wir waren mal drei Wochen in Südengland unterwegs und waren nur in Pubs essen, die wir uns von den B&B Hosts haben empfehlen lassen. Nur einmal waren wir beim Inder. Wir waren zwar eher in den Pubs, in denen die Sun gelesen wird, aber das Essen war immer sehr lecker. Und das englische Bier erst…

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