Unter Münchnern und Brüdern

Treffen sich ein Berliner, ein Hamburger und ein paar Frankfurter kurz vor ihrem Tod in der Küche. Sagt einer: „Warum essen die Leute nicht auch mal Münchner?”

Tatsächlich scheint es merkwürdig, dass zwar Berlin, Hamburg oder Frankfurt wie auch Wien klar und schnörkellos für eine bestimmte Speise stehen und Köln zumindest für ein Getränk (Kölsch), die deutschsprachige Hauptstadt des Essen und Trinkens aber nichts hervorgebracht hat, was die Welt als „Münchner” verspeist oder in sich hineinschüttet. Vielleicht gab’s ja sogar mal was, aber dann haben die hiesigen sich erst heillos darüber zerstritten, ob es „Münchner” oder „Münchener” heißen soll, um sich dann anschließend beim gemeinsamen Bier zu sagen: „Mir san mir und eh die besten, also was brauch mer des – is eh wurscht.”


Urbayerisches Frühstück mit Schönheitsfehlern (nach zwölf und mit Pils im Hintergrund).

Genau, und zwar Weißwurscht. Denn die will jeder, der nach München zu Besuch kommt (während in Frankfurt nicht automatisch nach den Würstchen und in Hamburg sowieso nicht nach einem Big Mac gerufen wird), und zwar mit Weißbier, auch wenn mir das nicht die klassische Begleitung zu sein scheint. Na jedenfalls, was braucht’s denn da noch einen grifffigen Namen, denn schließlich ist das hier ja auch die Hauptstadt des Marketings durch Tatsachen: Wer die höchsten Berge, blauesten Seen und schönsten Singles Deutschland sowie das größte Volksfest und den einzigen Papst der Welt hat, der muss nicht mehr viel sagen, darf sogar indifferent granteln und sein texanisches Selbstbewusstsein pflegen, und trotzdem fressen einem alle aus der Hand.


Interregionales Weißwurstmittagessen (die da schneidet ist aus Berlin)

Und so saßen gestern Mittag nach der Einschulung des Jüngsten und der Zweiteinschulung des Ältesten eine Berlinerin, ein Hamburger, drei Hessen, ein Österreicher, ein Australier und ein Münchner am Terrassentisch, verspeisten Weißwürste und diskutierten darüber, wie man es richtig macht. Der Münchner wollte zutzeln (zuzeln? zuzzeln?), was ihm aber der Österreicher erst erklären musste, der wiederum die Wurst mit einem kleinen Einschnitt von Öffnung zu Öffnung und einer eleganten Drehung von der Haut befreite, während die Hessen sich recht plagten und die Berlinerin als Kriegskind es so machte wie es uns einst der Bairisch-Schwabe vormachte – die Haut wird mitgegessen, denn nur die aus der Stadt können sich leisten sie wegzuwerfen.

Geholt hatten wir die Würste beim Vertrauensmetzger, wobei ich mich mit meinem großen Bruder papstgleich für ein gutes halbes Stündchen auf einen Kaffee von allen übrigen Verpflichtungen abgesetzt und dabei sogar das Zwölfuhrgeläut versäumt hatte (die Kellnerin war so lahm wie das Cafe schick), was erstaunlicherweise die angereisten Hessen am wenigsten lustig fanden. Dafür hatten wir dann auf Verdacht Regensburger mitgebracht für alle, die wie ich schon nach der ersten Weißwurst dieses Nach-der-zweiten-Weißwurst-Gefühl haben und die rätselten, was der Papstbruder denn nun gestern seinem Bruderpapst zu Mittag servieren würde, weil er es vorher partout nicht verraten wollte. Da sieht man mal, was für eine wichtige Rolle das Mittagessen im Leben spielen kann.


So urbayerisch und hausgemacht, dass er sich noch nicht mal richtig googeln lässt – schön scharfer süßer Senf

Das Beste daran war dann doch nicht das wirklich sehr gute Bier dazu (ich finde Hefeweißbier zur Weißwurst und Hefelaugenbreze zuviel des Satten und Guten), sondern der Senf daran. Die üblichen süßen Senfs (Senfe?) sind mir nämlich zu, nun ja, süß eben (auch der vom Händlmayer), ich mag sie auch ein wenig scharf und mag ganz besonders den Selbstgemachten vom Rottler am Münchner Viktualienmarkt, stieß dann aber in unserem örtlichen Supermarché auf den oben gezeigten, der schön grob, würzig und durch Meerrettich auch ein bisschen scharf ist. Allerdings muss die Weißwurst da schon einiges entgegen zu setzen haben, während er zu den Regensburgern perfekt war. Aber es gibt auch die normale Version. Bleibt immer noch die Frage, was es gestern bei Ratzingers zu Mittag gab. Weiß jemand mehr? Oder hat der Papst dieses Geheimnis mit nach Rom genommen?


„Arrividerci e grazie für die vielen guten Mittagessen (aber auf einen endlich mal wieder gscheiten caffä danach in der Bar Sixtina freue ich mich jetzt schon auch wieder)”

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4 Antworten auf Unter Münchnern und Brüdern

  1. shr sagt:

    Servus!

    Kann mir eine Kommentar als Hardcore-Baier (Nein, kein ‘y’!) wiedermal nicht verkneifen. Man verzeige es mir!

    Aber zu einer guten Weisswurst ist – m.E. – kein Senf nötig! Jeder der die Gelegenheit hat, Kesselwarme probieren zu können, sollte es unbedingt tun.
    Seit einem Thread bei chefkoch.de mach ich die sogar im Salzwasser heiss. Zu Petersilie und Zitrone wie beim Schuhbeck, hab ich mich allerdings noch nicht durchringen können.
    Über die 111 Möglichkeiten eine Weisswurst zu essen, schreibe ich mal ein Buch ;-)

    Tschau – bis zur nächsten Weisswurst.

  2. Christian sagt:

    Ich möchte nur kurz anmerken, dass in Österreich Weißwürste durchaus als Münchner bezeichnet werden. War für mich zuerst auch merkwüdig, habe mich aber inzwischen daran gewöhnt. :-)

  3. SEBASTIAN sagt:

    Da ist was dran, shr. also ich meine das ohne Senf. So wie die echten Kenner ja auch ihren Espresso ohne Zucker und ihre Sushi ohne Wasabi nehmen, damit sie den reinen Geschmack des Produkts haben. Was aber nur funktioniert, wenn der Geschmack wirklich rein und gut ist. Was dann auch fürs Dazu gelten sollte, wenn man es denn braucht – richtig frische Kesselwarme können so lange wie sie wollen ihr feines Aroma haben – wenn man dazu Develey isst, hilft es auch nicht. Ich kann mir aber auch gut denken, dass das süße, scharfe und salzige (die Brezn) auch eine gewisse reinigende Wirkung auf die manchmal doch recht eigentümliche Wirkung der Weißwurst haben können, zumal in früheren Zeiten, als man das mit dem Zwölfuhrlimit wegen der schnellen Verderbung hatte. Und es ist immer wieder verblüffend, wie solche heilenden Zwei- bis Dreiklänge dann auch eine geschmackliche Harmonie ergeben, die man nicht stören will. So finde ich den Strich Wasabi auf einem Nigiri mit superfrischem Fisch und leicht säuerlich-würzigem Reis kombiniert mit Sojasauce und Ingwer schon seeeehr perfekt. Und in manchen Moment halt auch ein superfrische Weißwurst mit ein klein wenig (!) süß-scharfem Senf.

    Arg wird’s, wenn manche diese Harmonie durch Verstärkung hochkitschen wollen – daher danke für diesen sehr interessanten Link. Wie Schuhbeck Petersilie und Zitrone ins Wasser zu tun, um dem Auslaugen dieser Aromen aus der Weißwurst etwas entgegenzusetzen, dass ist für mich kulinarische Folklore für Geschmacksgeschädigte. Denn die guten Metzger schmecken ihre Würste schließlich fürs reine Kesselwasser ab, und mei, Auslaugen gehört zum Werden und Vergehen im Leben. Da braucht’s kein Anti-Aging mit natürlichen Geschmacksverstärkern. Weswegen ich auch kein Salz reinmache, sondern halt ganz wenig Wasser nehme, das aufkoche, die Würste hineinwerfe und vom Herd ziehe. Gute fünf und nicht länger als 15 Minuten ziehen lassen – essen. Ein Buch oder zumindesten einen Beitrag über die 111 Möglichkeiten die Weißwurst zu essen würde ich sofort unterstützen. Ein „Tschau” aber nicht – oder ist das jetzt bairisch?

    Vergelt’s Wurst

  4. SEBASTIAN sagt:

    Das ist ja eine Nachricht, Christian. Weißwürste in Österreich! Die Münchner heißen!! Was wiederum zu der Sache mit den Frankfurtern passt. Und dazu passt die heutige SZ-Magazin-Kolumne aus Gerlachs Alphabet, in der es um Xtrawurst geht.

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