Kaffee und Kuchen ODER Obensein und kommen lassen

Ich habe es schon länger aufgegeben, hier ein gewisses Programm zu verfolgen, auch was Zeiten betrifft. Meine Mittagessen, die Mittagessen anderer, Veranstaltungshinweise, persönliche Schiffsmeldungen – das mischt sich hier wie im Leben. Wobei hier aus meinem nur die größeren Teile im Vordergrund zu sehen sind. Wer aber nach rechts auf Twitter schielt, bekommt den Großteil im Hintergrund mit, und wer die Links dort auf Instagram verfolgt, sieht nochmal durch andere Ausschnitte drauf. So wie man in einer Ecke am Straßencafe sitzt und sieht, wer so vorbeikommt und was er grad tut – was eine Ecke weiter schon wieder ein anderer sein kann und auf jeden Fall anders ist.


Von unten links nach oben rechts: Nach dem ersten Geburtstagssonnenkaffee habe ich mich den ganzen Tag nur von Kuchen ernährt und Kaffee ge- und zerkocht, am nächsten mir eine Landpartie geschenkt und schönen Besuch mit Kaviar bekommen.

Ich mach das selbst gerne und finde inzwischen den Gedanken eher beruhigend statt beunruhigend, dass ich dabei alles andere nicht mitbekomme. Irgendjemand hat das letztens im Radio erzählt, dass er mit einem Freund drei Tage in Venedig war und dass sie sich erst nur aus Faulheit und Zufall auf irgendeinen im Kanalgewirr verborgenen Platz gesetzt haben und dann die ganzen drei Tage lang eigentlich nur zum Schlafen weggegangen sind; und dabei haben sie mehr von Venedig gesehen als sonst beim Ablaufen der Sehenswürdigkeiten. “Die Stadt ist zu uns gekommen”, hat er in etwa gesagt.

Früher hat mich das beunruhigt, irgendwo zu sein und das Woandere nicht mitzubekommen. Dachte ich zumindest bis jetzt. Aber wenn ich es recht überlege, gab es auch in den Jahren, in denen es in mir und außerhalb von mir unruhig war, immer ruhige, reiche Momente; Momente, die ich mir genommen habe oder die zu mir gekommen sind. Momente mit Freunden, mit der Familie, mit einem Land, mit einer Landschaft, mit Dingen, mit Denken. Seit längerem nun werden diese Momente immer regelmäßiger und dichter, so dass daraus auch Minuten, Stunden, sogar ganze Tage werden. Manchmal kümmere ich mich um diese Momente, bestimmt, aber behutsam; nicht selten dadurch, dass ich sie kommen lassen, woher und von wem auch immer; hie und da wird daraus ein Einstürzen. Auf mich.

Im letzten Jahr habe ich mir da ein großes Vertrauen darin angeeignet, Momente zu nehmen und sie kommen zu lassen. So viel ist da passiert, und doch ist ein Stein auf dem anderen geblieben. Und es sind neue dazugekommen. Keine Mühl- oder Mauersteine, sondern weitere Bausteine für meine Treppenstufen und tragenden Säulen. Wie gut die halten, probiere ich durch Draufsteigen aus. Und es ist, wie Travis es sagt in dem schönen Familienfilm “Paris Texas”, als er seinen Bruder mit den Händen in den Hosentaschen bei dessen Arbeit begleitet und sie beide auf dem Gerüst stehen, auf dem der Bruder seine Filmbillboards in den amerikanischen Cinemascopehimmel hängt. Träumer Travis schaut sich dabei staunend um und sagt so etwas wie: “Von hier oben sieht alles so viel klarer aus”, während sein pragmatischer Bruder den Kran dirigiert und vergeblich wissen will, wo Travis die letzten Jahre verschollen war. Ein sehr persönlicher und inniger Moment zwischen zwei Männern, die in völlig verschiedenen Leben stehen, aber eine Verbindung haben.


Von unten links nach oben rechts: Einkaufen, Fußballschauen und Vorkochen waren Samstagspflichten, Brot von Freunden, Serbisches Reisfleisch sowie Kaffee und Kuchen die Sonntagsfreuden. Plus Resteglück dam Tag darauf.

“Von hier oben sieht alles viel klarer aus”, ich musste lachen, als er das sagte, denn schon das ist doch klar: dass man von oben mehr sieht, mehr Überblick hat. Aber woher soll das einer wissen, der vier Jahre durch die Wüste oder sonstwas gelaufen ist, der praktisch ein Analphabet ist im Obensein? Und der jetzt plötzlich Sachen versteht, die für andere ganz selbstverständlich sind. Man muss die dann ja trotzdem nicht machen – aber man weiß dann zumindest, warum man sie nicht macht. Auch das sehe ich jetzt da oben auf meiner Treppe – dass das Meiste schon ok ist, was ich da unten so gemacht und gelassen habe.

Tja, und nun stehe ich hier und staune, denn eigentlich wollte ich ja nur diese beiden Panoramen ins Blaue hängen, die vom Ende letzter Woche erzählen, das schon am Donnerstag begann, meinem Geburtstag, der dann ganze vier Tage bei mir blieb, mit vielen guten Momenten und Menschen. Dass mir einige dabei fehlten, weil sie nicht mehr da, weit weg, vermisst sind – das war auch ein gutes Gefühl.

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2 Antworten auf Kaffee und Kuchen ODER Obensein und kommen lassen

  1. twitter sagt:

    Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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