_in der STEINSTRASSE

STEINSTRASSE: Der feine Italiener am Eck

Donnerstag, 6. April 2006

Meine Theorie ist die: Das Abenteuer wartet mittags um eins ums Eck. Man muss also nur eine Woche lang eine Straße entlang Mittagessen gehen, schon kann man was von Gott und der Welt erzählen. Weswegen ich bereits am Tag 4 dieses Steinstraßen-Specials heillos in Verzug bin mit meinem Mittagsservice, und ist er dann da, kommen zumindest die treuen Leser beim Scrollen kaum noch raus aus dem Seufzen: Was hat er denn jetzt wieder alles …?

Wir hatten: Jedes Großstadt hat ihr Kleinstadt – in München (das wir jetzt einfach mal Großstadt nennen) heißt sie Haidhausen. Und jede Kleinstadt hat ihr Dorf – in Haidhausen heißt es Steinstraße. Und jedes Dorf hat seinen Marktplatz – in der
Steinstraße heißt er Genoveva-Schauer-Platz. Und jeder Marktplatz hat sein Gasthaus – am G-S-P sind es gleich drei, und die sind alle Italiener. Was einem außer in Italien eigentlich nur noch in den Little Italys der Welt passieren kann. Oder eben in München.

Nach „meinem Italiener” und „dem kleinen Italiener” machen wir das Dreieck heute komplett mit „dem feinen Italiener”, der gerade mal zwei Pizzawürfe vom La Baia wie vom Mezzodi entfernt ist und wieder eine ganz andere Seite zeigt –schillernd, leicht opernhaft, mit Grandezza, aber nicht ohne ein Augenzwinkern. Als das Vinaiolo vor acht Jahren eröffnete, machte es München vom ersten Tag an glücklich: mit einer Kulisse aus lindgrünen Regalen einer alten Apotheke, die jetzt mit Weinflaschen bestückt sind; mit einem Service, der in seinem weiß-goldenen Livrée gut in den Speisesaal eines der alten Grandhotels an der Riviera passen würde, wenn er nicht so tadellos gastfreundlich wäre; und schließlich mit einem Essen, das Italiens Regionalküche so gekonnt und elegant präsentierte, dass das Vinaiolo bald einen Michelin-Stern hatte, womit es jenseits meines Budgets angekommen war. Irgendwann ging dieser Stern wieder verloren und als ich letztens zur Vorbereitung des Steinstraßen-Specials auf die Karte schaute, stand da „Mittagsmenü, 2 Gänge, 19,50 Euro”. Na dann – auf die Liste damit.

Zwei der recht eng gestellten Tische sind besetzt, als wir uns heute Mittag dort niederlassen. Nach dem gestrigen Schneeschrecken strahlt heute die Sonne und lässt die Schönheit des Raumes noch mehr leuchten. Unser Ober freut sich mit uns über den Tag, erklärt das Menü und den Unterschied zwischen den zwei einzigen offenen Weißweinen, die als „Vino bianco” einmal zu 6,50 und 7,50 Euro in der Karte stehen. Na ja, auf jeden Fall nehmen wir am Ende den zweiten, einen sizilianischen Chardonnay, der sich gut zu unserem Essen macht. (Ihr merkt es: Wein ist nicht meine Stärke.)

Als wir die „Ricotta-Ravioli mit Osso-Bucco-Sauce” vor uns sehen, müssen wir zwar noch mal kurz überlegen, was eigentlich die Vorspeise war, doch der erste Bissen macht alles klar: Genauso hat die Füllung meiner ersten Canneloni geschmeckt, die ich damals mit den Eltern sowie Tante und Onkel aus Varese beim Italienurlaub gegessen habe, und bis heute habe ich nach diesem Geschmack gesucht. Dazu die zart-elastische Teighülle und die kräftige Kalbssauce mit Gemüsestückchen – perfekt. Davon hätten wir gerne mehr gehabt.

Zum Hauptgang gibt es dann nicht nur die Sauce vom Kalb (die jetzt eine lackartige Glace ist), sondern auch noch das Fleisch: Am Stück rosa gebratene Lende, tranchiert und auf Blattspinat serviert, dazu kleine geröstete Kartoffeln. Sehr gut gemacht, auch wenn das Fleisch ein wenig fest ist. Aber nicht von solchem Erinnerungswert wie die Ravioli – Grandhotel-Grandezza.

Die Dessertkarte mit fünf Süßigkeit zu je 8 Euro kommt unaufgefordert, aber sie ist auch nötig – wir hatten schon überlegt, uns beim Bäcker Schmidt noch ein paar Esterhazy-Schnitten zu holen. Daraus wird nun Baba, jenes Hefegebäck, das klassisch in Rum eingelegt wird. Hier ist es ein Cocktail mit dem Saft von frischer Maracuja, dazu eine buttrige Eiercreme mit Limette (was uns des Sauren zuviel war) und zwei herrlich knackige Amarenakirschen. Alles in allem eine ziemliche Wucht, nach der ein Espresso (gut, 2,50 Euro) Pflicht ist. Tja, und so werden aus 19,50 Euro schnell 45 Euro, aber das war uns den Mittag wert – beim nächsten Mal gibt’s dann eben wieder Fondue im Mezzodi.

So, weil es nun schon wieder spät am Tag geworden ist und um mal wieder in einen normalen Rhythmus zu kommen, gilt dieses Mittagessen einfach auch mal für den Freitag. Auch deswegen, weil morgen jemand aus Berlin nach München ins Kochbüro kommt und mich einen ganzen Tag lang beim Kochen, Essen und Schreiben begleiten will. Bald mehr dazu. Euch einen schönen Mittagsschlaf, zu Lesen ist ja genug da. Und bis spätestens Montag.

Vinaiolo
In der wunderschönen Kulisse einer alten Apotheke versorgt einen der Service mit herzlicher Grandezza, die Küche ist mal markant, mal elegant, aber fast immer erstklassig. Vorsicht vor den Desserts – die sind wirklich eine Wucht.
München-Haidhausen, Steinstraße 42, Tel. 089-48 95 03 56, www.vinaiolo.de
Mo 18.30-1 Uhr, Di-So 12-15 & 18-1 Uhr



STEINSTRASSE: Ein kleiner Italiener am Eck

Mittwoch, 5. April 2006

Was heißt eigentlich „Stehitaliener” auf Italienisch? Wahrscheinlich das Gleiche wie „danke, ich nehme nur einen Salat” oder „und nach der Pizza noch einen Cappuccino.” Denn: Es gibt diese Begriffe gar nicht im Italienischen. Steht der Italiener in einem gastronomischen Betrieb herum und steckt er sich dabei etwas in den Mund, dann ist das meistens eine Tasse Espresso, scusi, caffè oder ein Glas Wein, früher durfte es auch eine Zigarette sein, und der Betrieb heißt dann Bar oder Enoteca.

Beides hat man bei uns mit der Alimentari (Lebensmittelladen) zum „Stehitaliener” gekreuzt, der zuerst daran zu erkennen ist, dass wir in ihm an Theken, Borden, Bistro-Tischen sitzen können. Umgeben werden wir dabei von Regalen voller Wein und anderer haltbarer Spezialitäten sowie Kühltheken mit Antipasti, Formaggi, Salumi sowie Etcetera, und aus einer Mini-Küche bringen Patron oder Patronin oft noch Pasta & Pizza. Die klassische Zeit für den „Stehitaliener” ist die Mittagspause, Italophile schauen auch vor der Arbeit auf einen Cappuccino oder danach auf einen Aperitivo herein.

Die „Bar Enoteca Mezzodi” liegt in der Steinstraße direkt gegenüber der Pizzeria La Baia (siehe gestern) und hat dort eine Nische für alle geschaffen, die von „ihrem Italiener” gerne ein wenig mehr erwarten und vom Stehitaliener sowieso. Theke, Bistrotisch, Barhocker, Wein an den Wänden, der kochende Patron – alles ist da. Aber da ist auch dieser merkwürdig schöne Esstisch in klassisch deutschem Büroeichefurnier mit Sitzfensterbank, da sind auch rotweißrote Flaggen auf den Weinkorken (früher war dies ein österreichischer Weinladen) und der Patron ist so sympathisch scheu, dass man ihm gerne konzentriert zuhört, wenn er leise von seinen Speisen und Weinen erzählt.

Und dieses Zuhören lohnt sich, da Antonio Rovecchio etwas von seinen Produkten versteht. Nach der Aufzählung von Gerstensuppe mit Tomaten, Parmigiana di melanzane (Auberginengratin), gebratener Polenta und Fonduta (Käsefondue) in der letzten Woche ahnen wir das Norditalienische und schlagen später zu Hause nach, dass „Mezzodi” eine Landschaft in Südtirol ist. Wir nehmen einmal Normal (Parmigiana, im Bild oben hinten) und einmal Super (Fonduta, vorne). Gut, die Auberginen sind zum Teil noch leicht roh (Tipp: dünner schichten, wie hier beschrieben) und der Käse im Töpfchen trennt sich gegen Ende vom Wein (Tipp: ein bisschen Stärke mit Zitronensaft vermischt beim Ansetzen der Fonduta zugeben), aber wo bekommt man mittags schon eine Ein-Personen-Fondue mit gutem Blauschimmelkäse zu 4,50 Euro (alle Mittagessen zwischen 4 und 7 Euro)?

Und so weiß ich auch heute nachmitag, was ich nach plötzliche Schneetreiben auf dem Weg von der Bahn zu tun habe: an dem von zwei Amazonen besetzten Bankfenster vorbei ins angenehm unaufgeräumte Innere dieses Steinstraßeneckensteheritalieners flüchten, dem Wirt beim behutsamen Anrichten in seinem kreativen Thekenchaos zu schauen, in dass ich mich gerne für den Rest des Tages mit einem klugen Buch zu guter italienischer Musik integerieren würde. Doch für heute reicht es nur zum guten Espresso (1,60 Euro), denn schließlich muss noch dieser Text geschrieben werden. Zum Trost nehme ich zwei Dolci aus der Vitrine mit, für die der Patron bedächtig eine Folienhandtasche formt, die sich irgendwann in eine silberne Gondel verwandelt, deren Inhalt ich jetzt zu mir nehme, am Ende dieses Mittagessens kurz vor Mitternacht. Scusi für die Verspätungen derzeit, bis nächste Woche haben wir das wieder im Griff. Darauf einen Kaffee – oder gleich drei? Morgen hier in der STEINSTRASSE

Bar Enoteca Mezzodi
Klein, ein bisschen fein, ein wenig unaufgeräumt, recht kreativ – in diesem Stehitaliener mit Esstisch und Fenstersitzbank und origineller Küche fühlt man sich schnell wohl, ohne dass einem der sympathisch scheue Wirt zu nahe kommt. Im Winter ein Ruhepol, im Sommer eine Piazza dank der großen schönen Terrasse vorm Lokal.
München-Haidhausen, Steinstraße 57, Tel. 089-48 49 50
Di-So Di-Sa 9.30-22 Uhr geöffnet, sonntags und montags geschlossen



STEINSTRASSE: Ein Italiener am Eck

Dienstag, 4. April 2006

Mein erster hieß „Neumark”, was merkwürdig war. Soweit ich mich erinnere, war sein Haus früher mal ein Hotel mit diesem Namen, in dessen erster Etage irgendwann mein erster Italiener einzog, bis schließlich die Zimmer darüber zu Appartments wurden. Vielleicht war der Wirt aber auch nur Südtiroler. Jedenfalls ging meine erste Freundin mit ihren Eltern am liebsten dort hin, „weil die den besten italienischen Salat in der Stadt haben”, und so wurde das Neumark nicht nur mein erster, sondern auch „unser Italiener”. Tatsächlich mochte ich damals diese Mischung aus gekochtem Schinken, Edamer und weißer Knoblauchsauce auf dem Salat wirklich gerne. Bei den nassen Eisbergblättern und den eiskalten Tomaten darunter war aber nicht „ich liebe es”, sondern „ich liebe dich” der Grund dafür, dass ich alles brav aufaß.

Es gab natürlich noch mehr Italiener in unserer kleinen Stadt – „Luigi”, der beste und teuerste, in den mein Vater gerne ging; „die Maria”, nur einen Pizzawurf vom Neumark entfernt, von vielen unserer Freunde geschätzt, uns war da zu viel „Maria, Maria”. Dieses Misstrauen gegenüber dem Personenkult zwischen italienischem Wirt und deutschem Gast habe ich bis heute nicht ganz verloren, ob damals im wohltuend unspektakulären „Adria” im Nachbardorf (dem Liebling meiner längsten Liebe) oder im „Rustico” im Vorderhaus unserer ersten Münchner Wohnung mit seinem auf jeden Italo-Schmäh verzichtenden Wirt (zu dem wir erst über unseren Ältesten fast schon zu Dottore-Zutrauen fanden).

Auch am Platz neben meinem Kochbüro gibt es zwei Italiener am Eck. Den einen möchte ich aus Pietätsgründen totschweigen, vom L’Angolino hatten wir es hier schon. Doch während zwischen diese beiden die Diagonale eines WM-Fußballfeldes gnädig trennt, stehen sich auf dem Genoveva-Schauer-Platz im Herzen der Steinstraße gleich drei Eckitaliener Auge in Auge gegenüber. Von einem möchte ich heute erzählen.

Es ist kurz vor zwei, als ich letzte Woche an einem regenkalten Mittag zum ersten Mal ins La Baia trete. Eigentlich ist noch eine gute halbe Stunde geöffnet, doch in dem großen gelb-düsteren Raum mit brauner Brauereitheke, dicken weißen Tischdecken und schwarz-roten Lackstühlen sitzt nur noch ein Gast bei Apfelschorle unter Schwarzfotodrucken von Marlene Dietrich, Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart in Billigrahmen. Sofort fühle ich, wie sich der Druck von mehreren Jahrzehnten deutsch-italienischer Gastfreundschaft auf meine Organe legt, und das „Gibt es bei Ihnen noch was zu essen?” flutscht so fast wie von selbst raus. „Natürlich”, sagt der eine Kellner müde, ein bisschen so wie einer auf der Straße „kein Problem” sagt, wenn ich ihn umrenne.

Eigentlich liegt das La Baia eher an als in der Steinstraße, aber weil es hier eine Institution wie das Neumark in meiner Stadt ist, haben die Leute von Pro7 das zu Recht lässig gesehen und es in ihre Unsere-Straße-Geschichte eingebaut. Ganz sicher gibt es hier viel zu erzählen, ganz sicher ist dieses Lokal schon für viele „mein erster Italiener“ gewesen und für manche bis heute „unser Italiener”. Aber auch wenn ich nur einen Mittag hier war, fürchte ich schon jetzt, dass weitere Besuche nichts an meiner Meinung ändern werden, auch wenn ich am Abend komme, auch wenn ich Pasta mit Scampi und Calamari zu 9,50 oder das Pfeffersteak zu 17,50 nehme, um zwei der hier extravaganteren Gerichte zu nennen.

Denn das Markenessen vom La Baia ist die Holzofenpizza, die gerne „die beste der Stadt” genannt wird (wie alleine in Haidhausen noch zwei, drei andere). Daher bestelle ich bei meinem Besuch die „Pizza Tutto” zu 4,99 von der Tageskarte, und was der merkwürdig kalkulierte Preis schon angedeutet hat, erzählt mir Tutto (= mit allem) zu Ende. Zu mir sprechen Peperoni, die nicht scharf sind, und Schinken, der nicht salzig ist, und Oliven, die wie Trauben schmecken, und Pilze, die nach gar nichts schmecken, und „Mozzarella”, der sich zum Schrei nach einer EU-Verordnung steigert, mit der endlich mal dieser herrliche Käse vor Allgäuer Molkerei-Plagiaten geschützt werden sollte. Das Sugo aber flüstert nur würzlos dazu.

Alles zusammen wollen sie mir eins sagen: Hier wird nicht nur billig, sondern auch noch schlecht eingekauft. Kein Wunder bei einer Pizza zu 4,99? Den Preis habe ich nicht bestellt und ich habe dafür auch schon bessere Pizza gegessen und außerdem gehe ich zuerst in eine Pizzeria, um gute Pizza zu essen, und nicht, um so wenig Geld wie möglich auszugeben. Und schließlich: Wenn die so mit ihrem Markenzeichen umgehen, was passiert dann erst beim Pfeffersteak? Gut, der Boden war nicht schlecht – dünn, nicht zäh, aber auch nicht knusprig oder würzig oder gar besser als bei unserer Promi-Pizza-Party. Was er bei „der besten Holzofenpizza der Stadt“ aber schon sein sollte.

So. Tut mir leid, wenn ich jetzt vielleicht einigen die Laune verdorben oder gar richtig Ärger gemacht habe, weil „ihr Italiener” nicht meiner ist. Sie dürfen sich hier gerne Luft machen. Trotzdem die Bitte: Bei aller Liebe zu „Eurem” Italiener, Franzosen, Wirtshaus – achtet von Zeit zu Zeit darauf, was er Euch zu essen macht und ob das auch immer noch Euer Essen ist. Einmal alleine hingehen hilft da oft – ohne die Freundin hätte ich damals bald kapiert, dass der „italienische” Neumark-Salat auch nur so eine Sparnummer war. Merkt Ihr nun, dass es nicht mehr Euer Essen ist, ändert es. Sagt es den Wirten. Und wenn sie dabei bleiben, geht woanders hin. Es warten nämlich immer noch eine Menge Gute da draußen, die auch mal eine Zeit lang „Eure” sein wollen. Womit für heute Schluss ist. Der zweite kleine Italiener am Eck kommt dann morgen – zur Erfrischung.

La Baia Pizzeria Ristorante
Klassischer Kleinstadt-Italiener in Haidhausen, dessen Atmosphäre wie „Lindenstraße” und dessen Holzofenpizza (4,99-8,50) eine Legende ist – beides hat es leider nicht in bis in die Gegenwart geschafft.
München-Haidhausen, Milchstraße 10, Tel. 089-44 84 937
Mo-Fr 11.30-14.30 & 17.30-24 Uhr, Sa & So 11.30-24 Uhr