_auf RUSSISCH für Anfänger

RUSSISCH FÜR ANFÄNGER, LEKTION 3: In die Kaffeshopskaja

Dienstag, 29. Mai 2007


Deutschland im Mai, vier Jahreszeiten in einem Monat. Heute: Spätherbst. Der Regen wäscht die Wärme weg. Zu Mittag bräuchte ich Heimat. Bei der Käsesemmel vom Türken beim Disocuntbäcker ist sie nicht zu finden, auch wenn die nur wenige Meter durch den Regen bedeutet. Ich fliehe. Ein Wolf, der durch den Birkenregenwald streift.


Sehe, dass auch das Fest am Orleansplatz wieder mal gestorben ist, eile weiter durch die Gassen mit tropfennassen Augen und lande dann plötzlich neben dem brüllenden Autokanal vor diesem Anschlag: Buchweizen! Piroggen!! Wienerwürstelsauce!!! Das klingt nach Zakuska, nach einem Schluck Tee und einem Stück Wärme in der Balkantaiga des eisigen Münchner Ostens. Den gesamten Eintrag lesen »



Russisch für Anfänger, Lektion 2: SPROT?KIJ

Dienstag, 23. Januar 2007


SPROT?KIJ zum Abendbrot…

Da sitze ich also in meinem Kochbüro mit einem Kühlschrank voller Russischem. Und jetzt? Erst mal aufs Haltbarkeitsdatum geschaut. Bei den Trockensachen keine Frage, aber wie ist es mit den frischen Sachen? Kefir: 27. Januar. Frischkäse: 30. Januar. Und die Heringskarbonade kann sogar bis Anfang Februar im Öl warten. Bleiben die Sachen aus der Kühltheke vom Vladimirskij ohne Datum dran: Fisch und Meerkohl. Das wäre doch was für meine Köche zum Abendbrot, denke ich letzte Woche. Weil erstens feine Köche kaum etwas mehr schätzen als eine gescheite Brotzeit mit kleinen Überraschungen. Und weil sie mit diesen ganz besonderen Überraschungen schon mal für die Garküchen und Marktstände Asiens üben könnten.

Aber was tun die beiden Schwarzwälder? Erfreuen sich an Münchner Kalbfleischsülze, Paprikasalami, altem Gouda, Brucker-Land-Gurken und Bauernkrustenbrot. Ignorieren Fisch wie Alge. Gut, von der kostet Uli mit dem Stern wenigstens und findet es auch recht. Das war’s dann aber auch. Selbst als ich den Stöpseltrick der Chefin vom Vladimirskij vorführe, beeindruckt sie das wenig (kannten sie wohl schon), und das Knirschen beim Zerbeißen der Mittelgräte kommentieren sie mit höflichem Nicken (hatten sie wohl so schon befürchtet).


…gefüllt mit SPROT?KIJKAWJAR…

Bleibe ich eben alleine mit meiner Erkenntnis, dass das hier eine Delikatesse ist. Buttriges Fleisch von einem Räucheraroma so golden wie die Haut dieser Heringsartigen. Und bei Fisch Nr.2 weiß ich auch, warum mir die selbstbewußte Chefin die größeren eingepackt hat: lauter kleine Edelsteine stecken in ihm drin, Fachleute sagen Rogen dazu, für mich ist es wie Kaviar. Schade, dass der Wodka noch im Kochbürokühlschrank steht. Aber ein Kaltenberger Dunkel passt auch sehr gut dazu.

Gut. Bleibt am Ende unserer zweiten kulinarischen Russischlektion die Frage, was das denn nun eigentlich für Fische sind – welche Art, woher kommen sie, wie werden sie so und vor allem wie nennt man sie? Bei mir blitzt kurz der Begriff „Sild” auf und in den Büchern finde ich, dass das eigentlich nur norwegisch für Hering ist (der für manche daher sogar als Taufpate von „Sylt” gilt). In dieser Familie, zu er auch die Sardine gehört, hatten wir die Kleinen ja schon vermutet. Aber steht Sild hier bei uns nicht auch für eine bestimmte Zubereitungsart? Hm. Irgendwie erinnern mich die Kerle auch an das, was wir mal in einer Heringsräucherei in Rügen hängen sehen hatten. He, da sind sie ja auf der Seite daneben auf dem Bild , unter dem steht: „Kieler Sprotten”.

Ja wie jetzt? „Kleine Heringsartige, die warm geräuchert und in Holzkisten angeboten werden”, steht da noch, was auch alles auf meine Fische hier passen könnte. So gehe ich heute morgen auf dem Weg zum Kochbüro erst mal ins Vladimirskij, wo der Chef mich nur staunend anschaut und dann zur Chefin bringt, die diesmal müde im Videohinterzimmer wacht. DSe geht mit mir zur Kühltheke, in der weder Meerkohl noch Räucherfischkästen drin stehen, dafür eingesalzene Stockkarpfen drin liegen. Ob ich das letzte Woche alles nur geträumt habe? Aber irgendwann nickt sie matt und flüstert: „Ja, Sprotte.” Aus Kiel? „Nein, Ostsee.” Warm geräuchert? „nein, bei uns wird alles kalt geräuchert.” Und wie heißen die auf Russisch? „Sprotte, auch Sprotte.” Oh? „Ach, ich weiß nicht mehr.” Weiß es vielleicht jemand hier bei uns am Mittagstisch?


…alles für mich.



Russisch für Anfänger, Lektion 1: Vladimirskij

Montag, 22. Januar 2007

Beim Russischen finde ich interessant, dass es beim ersten Nebenbeihören wie verdrehtes Deutsch klingen kann. Kein englisches Ti Äitsch, kein französischer Akson Degü, kein italienisches Stakkato oder sonst ein Parlando nach fremder Melodie, sondern ein angenehm vertrauter Singsang, bei dem ich erst aufs zweite Hören kein Wort verstehe.


Im Schaufenster des Vladimirskij (1)

Als ich letzte Woche in diesen Laden in dieser Straße gehe, in die ich sonst nie gehe, ist der Eindruck auch erst einmal: Kenn’ ich. Weiße Warenregale wie einst beim Centra daheim und ein Kühltheke wie beim Türken am Eck, gekacheltes Videohinterzimmer inklusive. Bei näherem Hinsehen verschiebt sich der Eindruck: Neben dem Gurkenglas steht eine gelbe Pflaumensauce „mit Chmeli Sumeli” im Regal, über dem vakumierten Schweinskotelett ein Block aus grauem Kitt im Kühlschrank, in der Kühltheke liegt nur eine Kochwurst, der Rest ist Räucherfisch in jeder Form, Kaviar in dicken Dosen und irgend etwas Dunkelhaariges in einem Eimer. Wir sind im „Vladimirskij”, dem „Fachgeschäft für Russische Spezialitäten” im Mittagesserviertel.

Grübelnd über Kitt und Haar schleiche ich stumm ins Hinterzimmer, sofort verfolgt vom Chef mit grauem Kinnbart und schwarzer Lederweste, der sich sodann in den Schaukelstuhl fallen und genau so lange auswippen lässt, bis ich mich entschieden habe, die CD mit dem afro-russischen Schlagersänger doch noch nicht zu nehmen. Auf unserem stummen Weg zurück biegt er auf halber Strecke in Richtung Kaffeeecke ab, denn hier vorne hat die Gattin das Sagen.


Auf dem Zettel steht: „Dekorationswaffen. Metall + Holz. Kopie 1:1. Mit allen Funktionen. Nur nicht schussfähig.”

Und die spricht mich auch gleich fröhlich auf Russisch an, als ich (immer noch stumm) vor dem Wodkaregal stehe (laut Internet 46 Sorten, ich finde aber auch schon die 23 hier überwältigend). „Deutsch”, stammle ich, und sie: „Wennichwasfürsietunkanngerne.” Ja, doch, was ist denn das hier für ein…, hm also das Graue in der Tüte da überm Kotelett? „Halva! Schön süß, wollen Sie?” Nein, ein Pfund ist mir dann doch zu viel und irgendwie kenne ich das anders beim Türken. Aber diese kleinen golden leuchtende Räucherfische dort in der Theke, die sehen gut aus. Wie isst man die denn? „Ah, warten Sie!“ Sie holt einen Kasten mit größeren Goldfischen aus der Familie Heringsartige und stöpselt einem den Kopf ab, wobei gleich noch die Innereien mit herausgezogen werden. „So, und dann können Sie ihn im Ganzen essen.” Theoretisch, praktisch legt sie ihn zur Seite, sicher für ihren Mann zur Zakuska, der russischen Teatime.

Und was ist mit den Kleinen, sag ich noch, da packt sie aber schon zwei Hände voll von den Großen ab. Ach, sie hat ja recht, ist es nicht die Selbstbedienung, wenn nicht sogar die Selbstverantwortung, die Deutschland zur Servicewüste gemacht hat? Dann möchte ich jetzt aber noch wissen was das dunkle daneben im Eimer ist. „Meerkohl,” singt sie und lässt mich diesmal naschen. Schmeckt nach Pazifik, Japan, Tokio, Tsukiji Fischmarkt! Her damit!! Und während ich kurz und nutzlos in Richtung Kaviar schiele, packt sie mir den Zellophanbecher randvoll.

So geht die Reise weiter durchs russische Einkaufsreich, vom Orient bis Odessa landen Tütensuppe, Kindergesichtschokolade und Frischkäse („Mager ist er am besten!”) im Einkaufskorb, der dann an der Kasse ein wenig warten muss, weil erst noch ein kleines altes Ehepaar ein koffergroßes Paket eingeschnürt in diese riesigen blauweißrotkarierten Kunststofftaschen auf dem Trolly hereinrollt und die Chefin eine staubige Personenwaage unter dem Regal rauszieht und man gemeinsam das Trum auf deren Kunstlederabtritt wuchtet, während der Chef nun sicher meinen Fisch zum Tee probiert. Ich schaue derweil mal neben das Wodkaregal in diesen Kühlkoffer auf einem Barhocker, da liegen zwei Karpfen zwischen zwei Eispäckchen wohlig im Warmen. „Ganz frisch”, sagt die Chefin wieder an der Kasse, aber ich: „Heute nicht.” Der Mann mit dem Wodka vor mir lacht, die Alte hinter mir hackt mir gegen die Schulter und zeigt auf den Boden, da liegt ein Fünfeuroschein, aber der gehört dem Mann vor mir, vor dem aber jetzt noch die rassig verlebte Rothaarige dran ist, die soeben verzweifelt immer höher plappernd in den Laden gelaufen kam und nun wirklich nur noch russisch klingt, aber trotzdem hier nicht findet, was sie sucht, soviel verstehe ich, sie geht. Dann bin ich dran. Als ich mit meinen drei Tüten gehe, winkt man mir nach. „Guten Appetit!” Ich werde berichten. Demnächst in diesem Blog.


Meine Beute, von links oben in einer Art Uhrzeigersinn: russischer Frischkäse, Salzheringkarbonade in Öl, Wodka, russischer Fertigmix für koreanischen Kim Chi, Kindergesichtschokolade. gemischte Schokoladen, roter Hahnlutscher, russische Pfefferkuchen zum Samowartee, Algengrütze Meerkohl, grüner Russentee, Kefir, Georgische Pflaumensauce und kleine Räucherheringe, äh warmgeräucherte Sardinen, äh Silds (zu denen mehr am Dienstag)

Vladimirskij
Im Schaufenster steht der Samowar und Dekowaffen liegen neben Holzpuppen, drinnen aber gibt es das wahre Russland zum Essen und Kaufen: Vertrautes und Exotisches eingemacht in Gläsern und Dosen, viele Wodkas und manche alkoholischen Merkwürdigkeiten, hübsch verpackte Süßigkeiten und eine interessante Auswahl an Räucherfisch und anderen konservierten Meeresfrüchten.
München-Haidhausen, Belfortstrasse 8, Tel. 089/ 48 99 66 61
Mo-Fr 9-2o Uhr, Sa 9-16 Uhr