Kinderschmarren

„Mittagessen hat was von Kinderzeit und Wochenende, von Ausflug und Heimkommen”, lautet Grund 6 der „12 Gründe fürs Mittagessen”. Ich denke, jeder von uns kann sich an einige Mittagessen aus seiner Kindheit erinnern und damit vielleicht sogar etwas ganz Besonderes verbinden – eine Lokal voller Franzosen, Stockfisch und Aioli, ein Grillfest auf dem zugefrorenen Neusiedler See, Mamas frohe Kunde „Heute gibt’s Grüne Soße!” oder Papa, wie er fünf Minuten lang eine Forellengräte herausgehustet hat, zum Beispiel. Bei uns war das Mittagessen die Zeit, in der mal nichts zu tun war außer essen, reden und zuhören, oft reichte es mir schon, dass einfach nur alle zusammen waren. Es war eine der wertvollsten Stunden am Tag, was ich später in den Restaurantküchen und Redaktionsbüros fast schon vergessen hatte. Bis wir selbst ein Kind am Tisch hatten und ich mein Büro nach Hause verlegte.

Plötzlich waren wieder regelmäßige Mahlzeiten gefragt und ich freute mich vormittäglich darauf, zur Mittagszeit vom Schreiben und Lesen zum Kochen und Essen zu wechseln. Und der Älteste freute sich offenbar wie ich als Kind, dass dann alle in der Küche zusammen waren und stellte insgeheim die Gleichung auf: Glück = Mama & Papa & ich = Essen, woraus sich gekürzt ergibt: Glück = Essen. Weswegen er heute fast alles isst und Gutes besonders gerne, nur wenn dabei nicht alle am Tisch sind, wird er mürrisch.

Leicht gesagt, sagt ihr jetzt – denn dass mittags beide Eltern da sind und auch noch beide kochen, ist eher die Vorzeigeausnahme. Stimmt. Und Vergangenheit ist es auch. Aber heißt das dann gleich, dass Essen irgendwann, irgendwo, irgendwas der Alltag sein muss? Und dass man hoffnungslos nostalgisch ist, wenn man glaubt, dass in einer Familie wenigstens ein gemeinsames Essen am Tag drin sein sollte, und sei es nur das Frühstück? Und ist man wirklich völlig altmodisch, wenn man Lesen oder Fernsehschauen beim Essen nicht so klug findet? Weil dann nämlich schnell die Gleichung gilt: Essen = egal. Was nach obiger Gleichung auch heißen kann: Glück = egal.

Letzten Freitag habe ich mit einer Vorschulklasse Kaiserschmarren gemacht. Acht Kinder, für die nach dem Kindergarten die Stufe zur Schule noch zu hoch war und die sich nun ein Jahr lang auf diesen Schritt sehr intensiv vorbereiten. In unserer Vorbereitung wurden wie beim Schulschmarren in Washington die Jobs verteilt, von der Eierfrau bis zum Teigrührer. Vor allem die Mandeln sorgten da für große Fragezeichen, und ich weiß nicht, ob ich mit meiner Erklärung („Die stecken genauso in einer Frucht wie Aprikosenkerne”) wirklich zur Klärung beigetragen habe – aber neugierig hat es alle gemacht.

Und wie man einen Schmarren macht, dass wissen jetzt alle. Ok, das mit dem Pfannkuchenwerfen haben wir gelassen, nachdem der erste gleich auf einem Unterarm (Ärmel leider hochgekrempelt) landete, aber sonst lief es prima: Eieraufschlagen, Teigrühren, Pfannenbacken, Butterkaramelisieren. Ok, am Ende waren nur noch drei in der Küche, und das waren die Mädchen. Und das Aufessen? Das ist nämlich ein großes Thema dort, selbst beim Nachtisch. Weswegen ich auch gewarnt wurde – nicht persönlich nehmen, wenn die Hälfte übrig bleibt. Sehr zum Bedauern der übrigen Vorschule blieb aber gar nichts übrig, weil die meisten einen Nachschlag wollten (siehe unten). Und die meisten mussten ihren Teller dann auch nicht in die Küche tragen – denn das müssen nur die, bei denen was übrig bleibt (diesen Trick habe ich für zu Hause gelernt). Das nächste Mal machen wir dann Hot Dogs. Mal sehen, was wir da lernen.

P.S.: 50 000 Euro kamen im letzten Jahr bei der Basic-Aktion „Mittagstisch für Kinder” zusammen (1 Cent je Einkauf in einem Basic-Laden für Soziaorganisationen, die Mittagessen machen), von der wir am Freitag sprachen. Das sind 5000 Euro in jeder der 10 Basic-Städte. Da kriegt man schon ein paar Mittagessen dafür. 3 Cent spendeten wir gestern mit unserem Mittagsbesuch im Bistro des Münchner Ladens – und beschlossen, das nächste Mal eher auf Hilfe durch Einkauf zu setzen …



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