Goethe in The Gap

Der 31. Januar? Don Bosco Tag. Don Bosco? Priester aus Turin, der sich um Straßenkinder gekümmert und den Salesianerorden gegründet hat, in dessen Schulen ich zwei Jahre lange zu Mittag gegessen habe – Grießbrei, in dem sich ein hartgekochtes Eigelb fand, unvergessliches Serbisches Reisfleisch (wie heißt so was heute?), Wannen voller Kaiser …

Stopp! Jetzt mal genug mit Sorgenkindern, Kindheitserinnerungen und Kaiserschmarren, reden wir vom Ernst des Schreibens. Also noch mal: 31. Januar? Letzter Termin für alle Schreiber, um ihre Bücher und Artikel vom Vorjahr bei der Verwertungsgesellschaft Wort zu melden. Das ist so eine Art GEMA des Wortes, die uns pauschal Tantiemen zahlt fürs Ausleihen, Fotokopieren oder Lesezirkeln unserer neuen Werke (gilt leider nicht für Blogs), was im Juni dann als kleines Urlaubsgeld aufs Konto geht – wenn die Meldebögen bis zum 31. 1. um 24 Uhr in der Goethestraße 49 auf dem Tisch der VG-Wort-Zentrale liegen.

Ich bin mir sicher, wenn die mit einer Engelsgeduld ausgestatteten Leute dort nicht so menschenfreundlich wären, könnten sie einen schmerzhaften Enthüllungsroman schreiben über das Volk der Autoren und Journalisten. Mögliche Kapitel: „Gibt es ein Denken vor dem 31. Januar?” (mit einem Essay über den letzten Drücker), „Die besten Ausreden aus der aktuellen deutschen Literatur” und „Die kuriosesten letzten Eingänge”. Ich könnte jedenfalls einiges dazu beitragen.

Der gestrige Tag würde da aber nicht vorkommen: Am Morgen alle Bögen brav ausgefüllt und eingetütet, zu Mittag vom Hauptbahnhof den Westöstlichen Diwan genommen (also die Goethestraße entlang durch Münchens Klein-Istanbul gewandert, wo die Auberginen leuchten, Baklava trieft und Döner sich dreht) bis zur Nr. 49, wo einen die Rezeptionistin bei der Überreichung der Fragebögen anstrahlt, wohl wissend, was das jetzt für eine Meisterleistung war.

Nebenan liegt das Cafe Beethoven, das optisch ein gelungener Versuch ist, Wiener Kaffeehausatmosphäre nach München zu importieren. Ich will dort zur Belohnung zu Mittag zu essen in der Hoffnung, einen Auflauf von schreibenden letzten Drückern beim Feiern zu treffen. „Nachos mit Käse überbacken, Putengeschnetzeltes mit Mango-Curry-Sauce” verkündet das Menü, womit klar wird: Nix wird’s mit Kaffeehausliteratenstimmung. Aber war da nicht noch das „Gap” …?

The Gap: ein windiger Betonpavillon mit Kunststofffassade, der sich wohl schon seit den 60ern hier in der Auberginenmeile in eine Baulücke duckt und in dem vor fast zehn Jahren ein Lokal entstanden ist, so lässig schrundig, dass es eine Berghütte war für alle, denen das ständige HöherWeiterSchöner in dieser Stadt manchmal zuviel wird. Ob es das noch gibt?

Es gibt: links ein verstaubtes Bürofenster (siehe ganz oben), rechts ein Gemüseladen (siehe oben), dessen Tomatendosenpaletten sich bis vors Schaufenster des Gap stapeln, hinter dem ich an dem wohl schönsten patinierten Biergartentisch Bayerns sitze und eine sehr, sehr ordentliche Minestrone löffle, die ich zusammen mit der sehr, sehr netten Kellnerin dem Koch noch abgeschwatzt habe, der eigentlich schon seine Töpfe abgetrocknet hatte. Draußen läuft das Leben vorbei, hier drinnen ist es ruhig. Der Koch geht, die Kellnerin verschusselt meinen Espresso, ich verirre mich in die Damentoilette, einer schaut in sein Helles und denkt sich gerade ein Buch aus (VG Wort nicht vergessen!). Ach, was erzähl’ ich – seht selbst:


Minestrone auf Biertisch vorm Fernseher


Blick nach rechts


Genauer Blick nach rechts

Cafe Gap
Schön schrundige Oase in Münchens Klein-Istanbul, die viele Lücken füllt: Berghütte für Aufstiegsmüde, Ruhetankstelle zwischen Gummibäumen und Auberginenkisten, gute Küche für sehr gutes Geld ohne Döner und Baklava (Minestrone 2,90; Espresso 1,60) Manchmal auch Kulturkaffeehaus.

München-Bahnhofsviertel, Goethestraße 34, Tel. 089-54 40 40 94



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