Kampf mit Krapfen

Obwohl es sicher schon mehr als dreißig Jahre her ist, erinnere ich mich noch an vieles: die breite Gasse aus Katzenkopfpflaster, die sich zwischen den Fachwerkhäusern zu ihrer Mitte hin leicht wölbte, die basaltgrauen Steine blank poliert von Autoreifen, Fuhrwerkrädern, Pferdehufen. Die lehmfarbenen Mauern der Kirche, die an ihren wuchtigen Kanten von Sandsteinen eingefasst war, wie es seit je her in unserer Gegend üblich ist. Ein in den Stein geschnittenes Loch, durch das mich meine Mutter in den Gemeindesaal führte, aus dem der Lärm von schreienden und tobenden Kindern drang.

Bis heute sieht es dort immer noch so aus in unserer Stadt, und vielleicht haben sich ja inzwischen Erinnerung und Wiedersehen zu solch einem bleibenden Eindruck wie oben gefügt. Vielleicht war es aber auch die Einmaligkeit dieser Situation, weswegen ich mich so gut an alles erinnere. Denn in Kirchen gingen wir nur im Urlaub oder zu den Sakramenten – Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit, Beerdigung. Aber das hier war etwas anderes, es war ein Fastnachtsnachmittag, der noch vor dem Rosenmontag lag, unserem eigentlichen und einzigen Fastnachtstag, den wir traditionell bei Limo und Krebbeln (hessisch für: Krapfen, auch Kräppel genannt) vor dem Fernseher verbrachten, aus dem der Lärm der Züge schon ins ganze Haus drang, wenn ich ich noch ganz außer Atem vom abgerannten Schulweg an der Tür Sturm klingelte.

Das gefiel mir besser, als beim Fastnachtszug in der Kreisstadt immer hinten zu stehen und nicht zu sehen, wann sie da vorne mit Bonbons warfen, so dass ich nur hoch in den Himmel starrte, bis die „Bonsches” wie ein Vogelschwarm über mir auftauchten und dann auch schon klackernd zwischen den Beinen der Leute umher sprangen, während dort unten grobe Kinder im Wald der Hosen und Röcke umherstürzten und mir selbst noch die Beute direkt vor meinen Füßen wegschnappen wollten – nicht zu reden von den Opas und Omas, die sie dabei gnadenlos unterstützten.

Daher war es etwas Einmaliges, als meine Mutter mit mir zur Kinderfastnacht in den Gemeindesaal unserer Kirche ging. Kann gut sein, dass ihr die Rosenmontagsstunden vor dem Fernseher einfach zu wenig waren, da sie selbst in Rheinhessen mit der ganzen Wucht der „Fassnacht” groß geworden war und „Mainz bleibt Mainz” nicht nur vom Sofa her kannte. Kann also sein, dass ich das Ganze ihr zuliebe mitmachte, denn ich erinnere kein gutes Gefühl, als wir durch das Loch im Stein in diesen Saal voller Kinder traten, die ich nicht kannte.

Ich glaube, mein Kostüm war irgend etwas zwischen verrückter Professor und Charlie Chaplin, jedenfalls hatte ich eine dieser Plastikbrillen auf, die einen ständig mit ihren scharfen Bügeln hinterm Ohr kratzen und an deren Steg eine dicke Nase mit Schnurrbart befestigt war, die aus einer Art Zellstoff bestand, der hautfarben war mit einem rot aufgespritzten Flecken an der Spitze. Warum ich das noch so genau weiß? Weil ich schon sehr bald zu schwitzen begann in dieser aufgeheizten Atmosphäre (gut möglich, dass auch ich trotz allem hier herumtobte, und wenn es nur für Mutti war), vor allem unter dieser Nase, so dass ich für längere Zeit jene feuchtwarme Atmosphäre, die intensives Riechen besonders begünstigt, exakt unterm Riechzentrum sitzen hatten. Und wir alle wissen, dass Geruch und Erinnerung eine besonders starke Beziehung eingehen können.

So weiß ich auch noch sehr genau, wie ich damals an einem der Tische im Gemeindesaal saß und wie sich in den chemisch-papierenen Geruch meiner immer kratziger und klebriger werdenden Scherznase der Duft von in Fett gebackenem Hefeteig und von warmen Zuckerkrümeln mischte, der Duft von gebackenen Krebbeln also. Endlich war hier etwas, das ich mochte! Ich griff auf die Platte, die direkt vor uns stand, und der Duft wurde immer intensiver – bis ich mit dem Krebbel kurz vor meinem Mund gegen meine verfluchte Nase stieß, die sich inzwischen schon in Richtung Mund geneigt hatte, aber immer noch stabil genug war, um gemeinsam mit dem Bart darunter ein echter Hindernis beim Essen zu sein.

Was tun? Ich begann noch mehr zu schwitzen, versuchte die Nase hochzuheben, was jedoch kaum gelang und mich dazu empfindlich davon ablenkte, den Krebbel so anzubeißen, dass ich nicht gleich die ganze Konfitüre auf dem Schoß hatte. Es war ein Kampf – und zwar darum, seinen Krebbel zu genießen, ohne dabei das Gesicht, pardon, die Maske zu verlieren. Doch irgendwann war es mir dann zu blöd – ich entledigte mich Brille samt Nase, nahm auch gleich meinen Filzhut ab, der eh nur drückte, und aß in aller Ruhe meine Krebbel.

Ich fühlte mich dabei zugleich befreit als auch um etwas gebracht, ganz nach dem Motto: Wenn etwas anfängt, geht auch immer etwas zu Ende. Zum ersten Mal hatte ich erkannt, dass ein Krebbel nur für sich ohne das ganze Fastnachtsdrumherum ein Genuss sein kann. Doch damit verlor die Fastnacht auch ihren Zauber, der ja immer von einer Mischung aus Freude und Angst, Herumtollen und Hinfallen gespeist war. Womit auch der Krebbel selbst ein wenig von seinem Zauber verlor. Vielleicht ging es nicht nur mir so und vielleicht ist das der Grund für die Entwicklung zum bizarr gefüllten und glasierten „Konditorkrapfen”, der für vieles taugt bis hin zum Aufspießen (siehe oben ein Beispiel vom Bauernmarkt in Fürstenfeldbruck), aber sicher nicht für markante Kindheitserinnerungen.

Schön, schön, aber was ist heute mit Mittagessen? Als ich in meinem ersten Jahr in München war, arbeitete ich in der Nähe vom Viktualienmarkt und hatte am Faschingsdienstag ab Mittag frei. So geriet ich öfters in diesen alljährlich anarchistischen Strudel rund um den Tanz der Marktweiber, der so rein gar nichts mit Fastnachtszugsordnung und Fremdensitzungsprogramm zu tun hat, dass es eine Freude ist. Und nach dem ich einmal spät in der Nacht wieder den Weg ans Festland gefunden hatte, rief ich meine Mutter an und sie beschloss, dass sie das auch mal erleben müsste. Das war vor vielen Jahren und nun ist sie hier, bereit zum Äußersten am morgigen Faschingsdienstag. Am gestrigen Sonntag aber kochte sie ihr berühmtes Gulasch, wobei ich feststellen musste, dass sie es ganz anders machte, als ich es in Erinnerung und jedem erzählt hatte. Womit wir wieder am Anfang dieser Geschichte wären.

Dazu passt auch Mutters Lieblingswitz: Als eine große Flohplage über Israel kam, entwickelt dort ein findiger Mann ein spezielles Flohpulver. Er ging damit zum Rabbi, um es ihm vorzuführen: „Ich nehme also den Floh zwischen Daumen und Zeigefinger der einen Hand und streue mit der anderen mein Flohpulver über ihn, sofort ist er tot.” Sagt der Rabbi: „Nu, da kannst du ihn doch auch gleich zerdrücken.” Sagt er: „Oder so.”

Morgen: Kinderfasching from space – weniger Worte, mehr Bilder.



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