Lebensrettend: Münchner Suppenküche
(erschienen im erste DelikatEssen 1997/89, das wir damals gegründet hatten)
Manchmal ist einem dieses München zuwider. Da kiebitzt einem die Sonne freundlich aufs Frühstücksbrett, und gleich müssen die Radiomorgenmänner ihr Stakkato dazustottern: “Röcke kürzer, Himmel weißblau, Sonne anbeten – mir san mir!” Schon strotzt alles vor Föhnseligkeit, man schreibt “hohen Freizeitwert” in den Kalender und spricht ein Dankgebet an sich selbst, weil man so gut hierher paßt. Aber dann passiert’s: Das Herz sackt weg und macht Platz für Gift und Galle. Plötzlich ist die ganze Stadt nur noch voller Pack und Tand, Kulisse für ein uraltes Stück. In Wien würde ich nun in die Donau gehen.
Aber hier?
Zur Münchner Suppenküche. Da setze ich mich dann mit einer Schale voll Nudel mit Ochs (7,80 DM) auf eine Bierbank, schaue auf den Viktualienmarkt, und alles wird gut. Eine herrlich gehaltvolle Brühe läßt mein Blut wieder dünner werden, der erste Löffel voller Suppennudeln und saftigen Fleischstücken bringt das Herz erneut in Gang. Und dann ist es bald soweit, daß ich jeden unschlüssig Herumstehenden anspreche: “Geht’s nur rein. Nehmt Brühe mit Leberknödel (5,30 DM, der Knödel locker und fleischig) oder Saures Lüngerl (7, 90 DM, mit saftigem Semmelknödel und echter Mehlschwitze). Oder eine von den stets guten Tagessuppen – eine feine Karottencreme (7,20 DM) etwa. Oder die frisch belegten Brote (ab 2,80 DM). Dazu ein Helles (0,4 l) zu 4,20 DM, einen Bauernobstler für 3 DM. Alles nichts? Dann schleicht’s euch.”
Inzwischen weiß ich zwar, daß auch das Standl am Viktualienmarkt nur Kulisse ist, daß dahinter eine Zentralküche steckt (es gibt noch eine eher seelenlose Filiale in der Schäfflerstraße), in der alleine für dürfen sie das.die Nudeln mit Ochs angeblich jede Woche 4-5 Tiere aus der eigenen, garantiert bayerischen Herde verkocht werden. Aber hier am Markt wird wenigsten noch richtiges Theater geboten, mit faltigen Suppenschlürfern und gebräunten Sektrinkerinnen an den Tischen. Was in der Stadt der Lindenstraßen und Morgenmänner schon viel wert ist. Manchmal ein ganzes Menschenleben.
Münchner Suppenküche
Stand 2007: In bester Lage auf dem ohnehin bestens gelegenen Münchner Vorzeigemarkt steht das grüne Standl, das hier als einziges Essen & Trinken zum Hinsetzen anbieten darf: entweder Asiaschalen mit Tradition (Nudel mit Ochs) oder auch mal Exotisches mit Bodenhaftung (eine dicke Tom Ka Gai). Die neuen Besitzer haben das manchmal lustige, manchmal lästige Großsortiment ausgedünnt, Handschrift und Löwenkopftassen verbannt und die Bierbänke aufgerüscht. So lange das Saure Lüngerl mit Semmelknödel noch was taugt, ist es schon recht.
München-Zentrum, Viktualienmarkt (links von der Hauptgasse aus Richtung Frauenstraße)
Tel.: 089/74 74 74 78
Mo-Fr 10-19 Uhr (im Winter bis 18 Uhr), Samstag 9-17 Uhr, Sonntags geschlossen


20. März 2006 um 7:07
[...] chen lernte und mich hier zugleich von dieser Stadt erholen wie mit ihr anfreunden konnte. Dazu ein Text aus dem ersten DelikatEssen 1997, der im Wesen bis heute gilt. Alles Weitere, Aktu [...]
22. März 2006 um 6:06
[...] 8221; Delicious indeed! Nachtrag: Zur Münchner Suppenküche gibt es einen Beitrag von Sebastian Dickhaut, von dem ich auch das eine oder andere schöne Kochbuch besitze. [...]
24. April 2007 um 6:14
Die Suppenküche ist ein Muss beim Besuch am Viktulienmarkt!
24. April 2007 um 8:42
Absolut, Dominik, wobei sie mir langsam ein bisschen zu effizient werden. Oder war das effektiv?
4. Oktober 2007 um 11:35
[...] ic. delicious.” Delicious indeed! Nachtrag: Zur Münchner Suppenküche gibt es einen Beitrag von Sebastian Dickhaut, von dem ich auch das eine oder andere schöne Koc [...]
22. Januar 2009 um 11:01
[...] das Grauen heranzurücken. Und dafür gibt es eigentlich keinen sichereren Ort als die Terrasse der Münchner Suppenküche und kein besseres Kanonenfutter als Saures Lüngerl mit [...]