Der Bärlach ist da

Erinnert sich noch jemand an die Karriereanfänge des Basilikum? Als er noch als dichter Bund zu haben war mit vielen kleinen aromatischen Blättern, mit denen er uns so betörte? Inzwischen gibt’s ihn fast nur noch im Turbotöpfchen gewachsen, wobei man ihm kaum Zeit ließ nach viel mehr als Gras und Gewürznelke zu schmecken. Der neue Basilikum heißt inzwischen Bärlauch, und was bei dem alten geklappt hat, das müsste doch auch mit ihm gehen, haben sich die Kräutergärtnereien gedacht. Und so stieß ich letzte Woche in unserem Supermarkt auf mein erstes Töpfchen Bärlauch. Alle richtig geraten, Petra, Alex, Tobias, Zwolf und Ulrike (siehe Kommentare im vorigen Beitrag).


Foto: Coco Lang

Aber es ging mir ja auch eher ums Kuriosum: ein Töpfchen Bärlauch für 2,50 Euro, aus dem man entweder eine Portion Kinderpesto machen oder es für ein paar Tage ins Küchenfenster stellen kann, bevor man es wegschmeißt – für mich ist das ein Bärlach. Ob sie da nicht die Verbraucherschlauheit ein wenig unter- und die nun langsam wieder anschwellende Allium-Ursinum-Manie hier im Süden überschätzen? Der Legende nach war es Eckart Witzigmann, der hier beim Spaziergang im Englischen Garten auf das knofelnde Kraut stieß, damit experimentierte und es (wieder)entdeckte, bis es schließlich vor ein paar Jahren in unseren Niederungen ankam und seitdem regelmäßig vom Frühjahr an nicht mehr aus der Küche wegzubekommen ist.

Man hört es vielleicht – der ganz große Fan bin ich nicht. Vor gut zehn Jahren lebten wir am Münchner Südfriedhof, der sich unter seinen hohen Bäumen an sonnigen Frühlingstagen ziemlich aufwärmen kann. Da lag dann auch bald so ein leichter Knofelduft in der Luft, den ich nach einigem Schnuppern, Kriechen, Reiben und Schmecken an diesen großen lanzenförmigen Blättern überall am Boden festmachen konnte (vom Gift der ganz ähnlich aussehenden Blätter von Maiglöckchen und Herbstzeitlose wusste ich nichts). Aber auch wenn der Friedhof schon lang ein Denkmal war und Hunde dort nicht ausgeführt werden, brachte ich doch nicht die Courage eines Witzigmann auf, damit zu kochen.

Als dann der Boom losbrach und München nach dem ersten Bärlauch im Jahr lechzte wie Frankfurt nach der Grünen Soße (daher: Vorgestern + München = die Lösung), fehlten wir gerade in der Stadt. Und ich habe das dann auch nicht mehr nachgearbeitet, weswegen sich mir immer noch nicht der Vorteil von einem Pesto mit Bärlauch gegenüber einem Pesto mit gutem Basilikum und Knoblauch erschlossen hat. Die Wirtin vom Süß Sauer Salzig hatte nicht gefehlt und findet Bärlauch schon toll, wenn er nicht so konzentriert wie eben im Pesto daherkommt – sondern eher als Blatt in einem gemischten Salat (da wäre der Bärlauch dann der neue Rucola). Mit fällt dabei das feine Käse-Omelette in Oberstdorf ein, und in der Bratbutter zu feinem Fisch kann ich ihn mir auch vorstellen, also da, wo Knoblauch zu derb sein könnte. Risotto? Hm, mit Knoblauch mag ich ihn jedenfalls nicht.

Aber vielleicht sollte ich doch mal ein wenig Nachsitzen? Nur nicht auf dem Töpfchen! Und auch nicht auf dem Trockenen: diese Tüte mit gerebeltem Bärlauch ist mir heute am Viktualienmarkt in die Hände gefallen, und nach dem es innerhalb von 1 Minute in meiner Büroküche roch wie in einem Knoblauchsalzfass, habe ich auf den Selbstversuch verzichtet und sie erst Mal aus lauter Verzweiflung ins Tiefkühlfach geschmissen. Also warten wir, bis der Bärlauch wieder von selbst im Freien wächst. „Aber nicht im Englischen Garten ernten!” sagt die Wirtin, „wegen der Hunde.” Ob das wohl alle Wirte Münchens wissen? Und weiß jemand das ultimative Bärlauchüberzeugungsrezept?

Für alle, denen das zu wenig euphorisch bis empirisch war: Wissenswertes über Bärlauch in Berlin, Bärlauch in der Mythologie und Bärlauch in der Forschung. Und dann noch ein weiteres Kuriosum im Töpfchen frisch vom Markt:


Waldmeister im Töpfchen – bitte immer ohne Wurzelballen in der Bowle hängen.


Und ein Nachtrag zum Foodball-Bericht USA:Deutschland – erste Halbzeit fast zersägt, zweite Halbzeit obenauf.



14 Kommentare zu “Der Bärlach ist da”

  1. ulrike

    Hallo Sebastian,

    wir sammeln Bärlauch im Pfaffenwinkel (Geheimplatz wird nicht verraten) und dann mache ich ca. 10 Gläschen Bärlauchpesto, friere sie ein und habe so das ganze Jahr davon. Wenn ich sie wieder auftaue und etwas entnehme, braucht man nur die Oberfläche wieder mit Olivenöl verschließen und im Kühlschrank aufbewahren. Selbst so angebrochen hält das Glas noch mehrere Wochen. Habs probiert! (Wenn ich jetzt noch wüßte wie man hier ein Foto reinstellt, könnte ich es beweisen)

    Gruß Ulrike

  2. Claudia/foolforfood.de

    In Göttingen gab es schon Anfang der 90er-Jahre immer wieder Anfragen an die Stadtverwaltung, ob man nichts gegen die Bärlauchplage im Frühjahr unternehmen könne. Den Göttingern schiens ganz schön gestunken zu haben. Schon damals erklärte mir eine Bekannte, dass man mit dem Kraut sehr gut kochen könne. Damals war ich ein wenig ungläubig, zumal ich andere “Delikatessen” am Wegesrand wie beispielsweise Giersch überhaupt nicht schätze. Nachdem ich Bärlauch einmal probiert hatte, revidierte ich meine Meinung.

  3. camelopard

    Ich mag Bärlauch als Beimischung zum Salat sehr. Im Weißbräu gibt es im Frühsommer zum Beispiel immer Bärlauchsalat mit Spanferkelleber, das ist sehr lecker, obwohl schon ziemlich Bärlauch-lastig.

  4. Max

    Sehr hübscher Text zum Bärlauch-Problem. Bärlauch ist ja quasi der Balsamico von 2003, allerdings mit viel weniger Daseinsberechtigung. Ich finde das Bärlauch-Aroma nicht feiner als das eines guten Knoblauchs, sondern irgendwie plump. Meine Freundin wedelt auch immer damit rum, aber ich mache nicht mit.

  5. Ludwig

    Bärlauch-Renaissance und Witzigmann: lustig. Und heute, am 24.3., gibt’s sieben Witzigmann-Meerrettich-Popularisierungs-Rezepte im SZ-Magazin.
    »CRÈME DE LA KREN«
    Der Meerrettich ist wieder da! Sieben neue Rezepte von Eckart Witzigmann zu Ehren einer würzigen Wurzel.
    http://snipurl.com/o3ch

  6. SEBASTIAN

    Leute fragen, was für einen Basilikum ich denn nehme. Nun, im Moment gar keinen. Aber andere in der Familie greifen schon mal zum Töpfchen und wenn es dann da ist, greife ich auch danach. Ist Petersilie da, nicht. Und noch ein Geständnis (hallo Ulrike und Claudia, sorry Max): Heute auf dem Markt habe ich ein Hand voll Bärlauch mit eingepackt (nein, ein Händchen, denn es war der erste für 4,80 Euro je 100 g) für das große Blog-meets-Book-meets-TV-Mittagessenkochen an diesem Freitag. Und Meerrettich (danke für den Tipp, Ludwig)! Mehr am Montag.

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  8. Hans

    Vergesst den Bärlauch! Pflanzt Zitronenverbene! Jetzt!

  9. SEBASTIAN

    Ok, Hans, das Wetter passt ja gerade (Sonne, 20 Grad). Wird dann Zitronenverbene das neue Zitronengras?

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