AUS DER KAFFEEKÜCHE: Hasenbitter


Copyright: D. Revoy

Liebe Mittagsleser,

es freut mich, dass ich mich auf Euch verlassen kann. Denn was mir gestern wirklich am Herzen lag, war die Sache mit dem Edelbitterhasen. Und wenn sich auch nur ein Stimme dazu erhob und Ostern schon vorbei ist, nehme ich mich dem gerne heute erneut an, auch weil ich noch so ein wenig am Trudeln bin in dieser halben Ferienwoche.

Immer noch bin ich mir nicht sicher, was vom derzeitigen Edelschokoladenboom zu halten ist. Schön, schön, dass sie jetzt alle das Wahre und Gute zu wollen scheinen, aber wenn sie alle dann auch noch immer geizgeil zu Aldi und Mediamarkt rennen, bringe ich das einfach nicht zusammen. Nicht, dass ich dem Criollo-Afocinado wie den Trinkern des Kakaos, durch den man sie zieht, irgend etwas missgönne. Aber wie das nun plötzlich zusammengehen soll, das finde ich verdächtig. Dass jetzt sogar Ritter Sport einen auf “70% Kakao-Anteil” macht, dass selbst im SZ-Magazin ein ansonsten honoriger Schreiber sich plötzlich zu seinem Verfall in Richtung Edelschokolade in einer Form bekennt , wie man sie heutzutage nur noch in Cosmopolitan lesen kann, sind nur ein paar Beweismittel für meinen Verdacht.

Wenn man weiß, wie einfach es letztlich ist, beim Gastro-Großhändler einen Brocken Edelkuvertüre zu bekommen und ihn mit dem dazu angebotenen Temperierbecken zu individuellen Riegeln zu gießen, wundert es keinen mehr, dass jeder Kleinstadtbäcker plötzlich eine “handgeschöpfte Hausschokolade” hat. Und will der sich diese Mühe nicht machen, bestellt er sie halt bei der nächstgrößeren Schokoladenmanufaktur mit handgemachtem Etikett wie einst den Hausmarken-Sekt.

Ähem. Nun will ich keinem hier den Spaß an der Schokolade verderben, nur weil ich mich schlauer fühle. Und ich gönne den engagierten Händlern auch jedes Umsatzplus, sie hatten es lange schwer genug. Ebenso freue ich mich für alle, die ihr Leben und das ihrer Umgebung mit der eigenen Schoko-Boutique berreichert haben wie einst Juliette Binoche. Doch fürchte ich mich vor dem Chardonnay-Effekt. Viel fluchen ja inzwischen auf diesen “Modewein”, den alle Welt anbaut und trinkt, egal wie er wirklich ist. Dass es so weit gekommen ist, hat aber einen Grund: Ein richtig gewachsener und ordentlich gekelterter Chardonnay kann so gut sein, dass er ein Welt begeistert. Und solche Chardonnay gibt es immer noch, und sie würden selbst den größten Schimpfer wieder begeistern können – wenn er sie noch finden könnte zwischen den Weingärten an Meeresstränden und auf Berggipfeln, in denen die Traube inzwischen angebaut wird, um dann in irgendeinem Weinindustriegebiet auf Einheitsgeschmack gecastet zu werden.

Ähnliches befürchte ich nun bei der Schokolade. Schon erreichen die Schoko-Boutiquen jene kritische Masse, die auf der einen Seite die Fans von “Chocolat” und “Wunderbare Welt der Amelie” nicht mehr füllen können und die auf der anderen Seite der Schokoladenindustrie noch viel zu gering ist, da sie nun ihre Marketingmaschine einmal angeworfen hat. Wir sollten uns also schon mal auf einige Entartungen im Markt und Enttäuschungen in unser Boutique gefasst machen. Womit wir beim Bitterschokohasen wären.

Der beste Schokohase muss aus Vollmilchschokolade sein, finde ich. Und die sollte eher dünn und der Hase hoch sein, damit immer was in sein Inneres fällt, wenn man ihn über die Feiertage langsam aufknabbert, so dass sich am Ende einem schön viele Bröckchen offenbaren, als man schon dachte: Och, das war’s jetzt. Ostern reloaded, sozusagen. Zumindest hat das früher funktioniert, als der Osterhasenverzehr noch elterlich kontrolliert war (und man sich mit einem heimlichen Dreher des Hasen noch eine Extraportion Schoko gönnen konnte, ohne dass es einer merkte ).

Aus dieser Zeit stammt wohl auch die ebenso heimliche Vorliebe für eher billige Schokolade, die so wie die recht harte und leicht salzige Ritter Sport Vollmilch schmeckt. Sicher, die sollte man eigentlich nicht mal seinen Feinden schenken, aber es gibt Momente, da gibt es nichts Besseres für einen selbst, etwa wenn ich einem Schokohasen oder auch -nikolaus in die dünnschalige Spitze beiße, dass es nur so in ihn hinein bröckelt. Und weil dieser Geschmack nur in kleinen Dosen mit langen Pausen zu genießen ist, stellt sich sogar wieder das Aufheberitual aus den Kindertagen ein.

Beim geduckten Lindt-Hasen mit seinen dicken Wänden fällt dagegen dieser Gleichmut schwerer, auch weil ich bei seinem Einatmen immer denke: “Eigentlich wäre eine richtige Tafel Schokolade jetzt gescheiter.“ Und das gilt noch mehr für den Lindtschen Bitterhasen, den ich nach zwei Bissen stehen lassen musste. Chardonnay-Effekt, die zweite: Selbst der beste Chardonnay passt zu manchem Essen gar nicht gut. Und dicke Bitterschokolade, auch wenn sie von Lindt ist (was ja längst noch nicht das Beste ist), ist einfach nix zum Anbeissen kurz nach Ende der Fastenszeit. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Edelbitter-Lindor-Eier. Lasst das in Zukunft, bitte. Womit ich nicht Lindt meine, sondern uns selbsternannte Osterhasen, deren Willen die Produzenten ja nur folgen (ob, manchmal sind s auch die Einflüsterungen der Marketing-Abteilung). Edelbitter mag gut zum Abnehmen wie zum Espresso sein – an Ostern und Weihnachten muss es aber Vollmilch sein.



16 Kommentare zu “AUS DER KAFFEEKÜCHE: Hasenbitter”

  1. maike

    hm..mein Edelbitterhase steht noch auf dem Regal, und eigentlich freu ich mich auf ihn, weil ich bei anderen Hasen, und deren Süße, die ja oft genug von billiger Schokolade und dementsprechend viel zu hohem Zuckergehalt kommt, schnell ins Husten komme, und deshalb hoffe, dass das diesmal nicht passiert- aber, ich kann’s schon verstehen…
    Was aber noch viel viel schlimmer ist, sind die Lindt Eier(70%) mit Mousse au chocolat füllung. Also, das muss wirklich nciht sein, weil da so wenig Schmelz übrig ist, dass die Schokolade zu trocken ist und das Mousse..die Mousse? egal, ebenfalls hart ist. Sowas muss so weich sein, dass man es rauslecken kann. Das muss wirklich nicht sein. Edelbitter Lindor hab ich noch gar nicht gesehen. Der Kaufrausch ging dieses Jahr eher in Richtung Cappuccino Creme und SchnapsLindt.

  2. Ulrike

    ÖHM!ÖHM! Ich möchte mich hiermit als absoluten Bitterschokoladefan outen. Kenne zwar diesen Hasen nicht, aber ich mußte jahrelang nach Frankreich fahren um gescheite Bitterschokolade zu bekommen. Der derzeitige Schokiboutiquenboom ist zwar auch nicht mein Ding, denn man muß schon zu unterscheiden wissen. D.h. probieren geht über studieren, nur so findet man seine Geschmacksrichtung. Doch geht bei mir die Schokolade auch erst bei 70 % los und ich habe meinen Chocolatier an der Nordsee und lasse mir 2x im Jahr eine ordentliche Portion schicken. Die Boutiquen die neulich in der SZ zu lesen waren muß man testen, es ist nicht alles Gold was glänzt.

    Ui…… deine Oma sieht aber gut aus *grins*, hab über sie auch gelesen!
    Gruß Ulrike

  3. SEBASTIAN

    Gut, wie gesagt, ich will hier keinem die Freude verderben, Maike, bin aber gespannt auf Deine Meinung zum Bitterhasen (siehe dazu auch die frisch gemailte Osterkarte von Mittagsleserin Juscha, die ich gleich oben eingebaut habe). Deinen Tadel an den 70%-Eiern teile ich unbeschmeckt so wie ich mich über den Gedanken an einen KaffeeSchnapsLindtKaufRausch freue. Das müssen ja lustige Ostern gewesen sein. Ich jedenfalls habe beschlossen, aus dem Hasen nun eine Mousse zu machen, ich habe da so ein neue Rezept… Bald mehr.
    Und dafür nehme ich natürlich Bitteredel, Ulrike. Da ich diese zwar bisher nicht ignoriert, aber auch nicht gesucht habe, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es hier gar keine gescheite dunkle zu holen gab – Hachez aus Bremen zumindest? Ich erinner mich, als vor Jahren die ersten Feinkostläden mit französischer Bitterschokolade dealten, an eine glaube ich über 90prozentige von Cruzet(?), die mich an Reifengummi erinnerte. Es ist, wie Du sagst: Man muss suchen.
    Der Boom hat übrigens auch schöne Kompromisse geschaffen – Milchschokoladen, die weit mehr Kakoanteil als die gesetzlichen 30% haben. Etwa die sehr schöne Cocoa de Maracaibo von Hachez mit 55,5% oder die vor Ostern bei der Haidhauser Confiserie Micksch (Belfortstraße 2) entdeckte Rio Caribe (45%).
    Der Dealer im Norden – Leyseffier? Von dem gibt es jedenfalls eine tolle Schokolade mit Meersalz drin – in Bitter und Vollmilch. Und ich bin klar für rahm-salzig statt bitter-salzig.

  4. maike

    uiuiui..doch noch ein Kommentar vorm nächsten Job: Hachez, ein absolutes Muss (habe den Studentenjob damals am Fließband leider nicht bekommen – bin heute froh drum). Diese neue, außerdem auch noch sehr schicke, Serie von hochprozentiger Schokolade aus Bremen ist wirklich toll.
    Leyseffier gibt’s doch in München auch, oder? Mir ist zumindest so.
    Und was die Mousse angeht, dafür geht doch auch Rittersport, oder? Dafür Lindt zu verbraten (bzw zu schmelzen), das finde ich ein wenig…naja… nö, da reicht Billigeres.
    Jetzt muss ich nächste Woche wohl doch ein bisschen länger in der Hansestadt bleiben statt gleich durchzufahren. Vor einigen Jahren wurde im Hachezladen am Rathaus das größte Braune Blatt der Welt ausgestellt. Das war bestimmt 2m hoch und aus echter Schokolade. Eine, wie ich finde, schönere Erfüllung eines Kindertraums als der Schokobrunnen bei Stollwerck.

  5. Thomas Neumann

    Bitterhasen hin oder Bitterhasen her… ich habe so viele Osterhasen gegessen das ich nur noch sport machen muß sonnst sehe ich aus wie ein Bitterhase. Ich habe 70% Schokolade mehr zu genommen.
    Schöne Grüße
    Thomas

  6. Nicky

    Hallo Sebastian,
    Mich hast Du ganz klar auf Deiner (Milchschokoladen-)Seite ;) Probiere zwar jede Schokolade die mir so unterkommt, aber während ich bei Hochprozentigem (der Kakaoanteil ist gemeint) eher dran rumnage und versuche den Geschmack endlich so richtig gern zu haben, so ist dies bei Milchschoki-Sorten gar nicht nötig… Und dann ist da noch meine Vorliebe für weiße Schokolade, besonders COOKIES’N’CRÉME von Hershey’s. Am besten – welch’ Frevel – aus dem Kühlschrank!

  7. Ulrike

    Sebastian, nach mehreren Sylturlauben (außerhalb der Saison und ohne schickimicki) entdeckten wir Café Wien. Die div. Schokoladen (ohne alles, keine Füllung o.ä.) aus den verschiedenen Ländern schmecken mir mit am besten.Guxdu hier

    Gruß Ulrike

  8. SEBASTIAN

    Ritter Sport für Mousse au chocolat? Olala, Maike, das könnte aber Ärger mit der Mousse-Gourmet-Fraktion geben. Und auch ich glaube, dass nur mit guter Schokolade bzw. Kuvertüre die Mousse gut wird. Doch wie gesagt, bald mehr dazu. Was für Thomas noch bitterer werden könnte, weil es eine Buttermousse wird…
    Danke, Nicky, für die wahren Worte, in denen ich mich zu 100% erkennen kann – speziell beim Rumnagen an den Grand Cru Schokoladen, weil sie doch so edel-lagig, supergesund (Schokolade!) und handgeplättet sind. Ich bin halt dann doch so einer, der immer noch Zucker in den Espresso tut (tut der Profi nicht) oder gar (eine Prise nur) in den Darjeeling gibt, einen guten durchgetrockneten Riesling einer kirschroten Granate vorzieht und weder vor Rosé noch vor weißer Schokolade davonläuft – wobei ich mit Hershey’s dunkler echte Probleme habe. Aber ich probier’s aus – ebenso wie Ulrikes sehr interessanten Tipp mit dem Cafe Wien auf Sylt. Sieht so aus, als ob hier bald mal ein Schoko-Blog-Test fällig wird?

  9. Claudia

    Wenn es bei mir ums Backen und Schokomousse-Bereiten geht, nehme ich gern die 70%ige von Lindt. Zum Naschen ist die mir etwas zu spröde, da darf der Kakao-Anteil auch gern etwas geringer sein. Diese ganzen neuen Kreationen sind für mich – bis auf die wirklich kreativen Ausnahmen von Zotter – eher esoterische Schokokunst: vielfach überzelebriert und mit Möchte-gern-Geheimnissen umweht. Kurz: viel Lärm um nichts.

  10. kaltmamsell

    Schoko-Blog-Test, genau. Nachdem ich gestern eher zufällig verschiedene mir bislang unbekannte Schokoladen um die 70 % Kakaogehalt nebeneinander verkostet habe (das muss unbedingt “verkosten” heißen), ist mir mal wieder klar geworden, wie verschieden die schmecken können.
    Eine systematische Verkostung müsste mit dem höchsten Kakaogehalt anfangen (ich stimme Ihnen zu: alles über 85 % schmeckt nach Straßenbelag), verschiedene Produkte, und sich dann hinunterarbeiten bis zur Vollmilch. Erlaubte Zusätze höchstens Kakaobohnen-Bröckerl.

  11. » Blog Archive » AUS DER KAFFEEKÜCHE: New York, Frisco, Alltag

    [...] ezept für eine Mousse au chocolat auf Butterbasis gesichert, in dem ich am Wochenende den Bitterhasen begraben werde. Wer lieber wegfahren will, kann sich eine Menge Anregungen bei der [...]

  12. SEBASTIAN

    “Spröde” und “esoterische Schokokunst” – danke, Claudia, für die passgenauen Vokabeln für weitere Diskussionen mit Leuten, die mit dem neuen Schokogenuss auch sich selbst als Experten entdeckt haben. Und merci, Kaltmamsell, den Testball aufzunehmen, den ich nach einiger Bedenkzeit übers Procedere direkt zurückspielen werde – das mit den Überraschungsschokoalden werte ich als Wink des Schicksals oder auch eines Netteren.

  13. Andrea

    Lieber Mittagesser, früher war dunkle Schokolade auch immer etwas für die G’spreizten (wie wir hier in Wien sagen), aber ich gestehe, jawohl, dass ich mich langsam an die 75-80 %-Marke annähere. Wobei ich den Weg zur 80%-Schoko über Kakaopulver gefunden habe. Cappuccino homemade mit viel Milchschaum (selbst gemacht, eh klar, nichts von diesen Vollautomaten-Milch-gleich-dabei-Gemisch) und dann edles dunkles Kakaopulver drüber. Beim nächsten Mal in Wien empfiehlt sich – nein, nicht die Sachertorte (obwohl die auch, aber das ist was anderes. Ähm, wo war ich?) das Palais Ferstel: dort liegt versteckt, aber doch ein kleiner feiner Xocoladen :-)
    für Puristen, die Milchschokolade lieben (für Sie also, Sebastian) und für mich, die Kakaopulver und auch dunkle Xoco liebt. Da geht die Sonne auf und das Leben ist wieder milchschokoladig-cremig.
    In diesem Sinne beste Grüße aus der Sachertortenstadt!

  14. SEBASTIAN

    Danke, beim nächsten Besuch bei der Korrespondentin also das Palais Ferstl, aber nicht ohne vorher Topfeneis am Schwedenplatz genascht zu haben. Mit Vollautomaten-Antipathie und Sachertorten-Sympathie sind wir auf einer Seite – und in Wien scheint mir der Durchsatz an Handkaffeemaschinen eh noch breiter als hier bei uns, wobei sich auch das zu ändern scheint?
    Insgesamt scheinen mir die österreichischen Schokomacher und -esser etwas, nun ja, experimentierfreudiger zu sein – das was wir hier jetzt als “Sommerschokoladen” bekommen, gab es bei ihnen ja schon immer, also fruchtig gefüllte Tafeln, die mich allerdings selten glücklich machten. Andererseits verbirgt sich darin wohl auch der Keim der Kreativität von Zotter?

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