Schwarzwaldnudel

Mein Freund der Fotograf kommt von da, mein Freund der Koch auch und meine liebste Kochbuchkollegin ebenso. Wolfram Siebeck ist schon da und Bernd Neuner-Duttenhofer schon wieder. Und auch unsere Ex-Nachbarn, die vor ein paar Jahren von München ins Badische zogen, nachdem wir eine Weile beim Südfriedhof übereinander gewohnt hatten. Die gegenseitigen ersten Kinder waren im Babyphon-Alter und wenn ein Paar ausging, hatte das andere das Phon. Weswegen wir nie gemeinsam ausgingen. Die Väter auch nicht.


Die Trinkhalle Baden-Baden bei Tag. Links die Terrasse zur Bar.

Am Donnerstagabend letzter Woche ist es aber dann soweit: Der Ex-Nachbar und ich sitzen auf einem Ledersofa in Baden-Baden, trinken Pils und schauen Kinderfotos an. Spießig? Och, Smudo war auch da und ein wichtiger Sportmoderator und noch eine Menge anderer Leute aus Funk und Fernsehen. Die Couch stand nämlich in der „Trinkhalle”, Baden-Badens weltmännischster Bar mitten im Kurpark und an diesem Abend die Bühne für eine After-Show-Party von Grundy TV und dem SWR. Viele schöne Menschen, Drinks for nix und laute gute Musik in denkmalgeschützten Hallen, man hätte meinen können, in München zu sein, mindestens.

Wie? Was das alles mit Mittagessen…? Oh, ja, hatte ich noch nicht gesagt, dass ich am letzten Freitag zum ARD Buffet in Baden-Baden als Nudelexperte eingeladen war? Und auch nicht, dass der Ex-Nachbar dort arbeitet? Hatte ich wenigstens geschwört geschworen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat? Ehrlich: Sie haben einfach beim Verlag angerufen und die hatten auch erst mal eine weit bessere Nudelexpertin gefragt, die aber nicht ins Fernsehen wollte.


Blick aus dem Baden-Badener Hotelfenster

Und so rolle ich dann vor einer Woche durch das noch regenschwere Villenviertel der Kurstadt über mehrere Lagen zermatschender Magnolienblätter hinauf zum SWR, der auf den ersten Blick wie eine große Kurklinik auf seinem Hügel sitzt. Wie groß das hier wirklich ist, merke ich erst, als wir innen durch eine kleine Tür die Welt der Teppiche und Zimmerpflanzen verlassen und durch einen LKW-breiten Rampengang in die weite und winklige Welt von Garderoben und „Bitte Ruhe!”-Lampen treten, in die das Tageslicht nur über die Einspielfilme auf dem Monitor gelangt.


Die ARD Buffet Expertenecke

Fenster gibt es hier trotzdem, einen ganzen Wintergarten sogar, der für heute mein Zentrum in dieser Welt sein wird: die Expertenecke des ARD Buffet. Hier werde ich über die Nudel plaudern, während ein schwarzer Schwarm von Scheinwerfern Mittagslicht auf uns wirft – aufs Haar genau, wie mir der Regisseur gerne in mein Staunen hinein erklärt. Überhaupt sind sie alle sehr freundlich hier, nicht nur nett im Sinne von „lampenfieberdämpfend”: mit dem Redakteur befinde ich mich schnell in einem Fachgespräch über die richtige Zubereitung eines Ochsenkoteletts, die „Maske” erzählt von ihrem letzten guten Essen, die Moderatorin ist witzig statt nervend oder gar genervt, was man ja auch kennt.


Bärlauch-Ravioli (beim Essen vergessen, daher vom Fernseher abfotografiert)

Gut, der Schwarzwälder Sternekoch Jörg Sackmann ist anfangs nicht ganz so locker, aber wenn ich live in 30 Minuten Echtzeit eine Bärlauchfarce mixen, Nudelteig ausrollen und damit füllen sowie dann noch ein Champignonsauce und ein Zwiebelconfit dazu zaubern sollte, wäre ich noch viel weiter weg von allem. So konnte ich ihm aber von meinem Plätzchen im Wintergarten in aller Ruhe zusehen, wie er aus einer Legion von Schälchen, Krüglein und Schüsselchen seine „Bärlauch-Ravioli mit geschmälzten roten Zwiebeln” erschuf. Und wer sich jetzt beschwert, dass die heutigen Fernsehköche sonst gerade mal eine halbe Stunde für drei Sachen braucht, soll das mal nachkochen – das kann zu Hause schon mal eine Wochenstaffel Mälzer dauern.


Live am Mittagstisch: Moderatorin Evelyn Evelin König, Polizeiruf-110-Kommissar Felix Eitner und Sternekoch Jörg Sackmann

Während ich mit den Zuschauern Frage („Kann man Nudeln einfrieren? Und warum gibt es noch keine TK-Nudeln im Laden”) und Antwort („Zum Glück gibt es die noch nicht!”) spiele, geht Jörg Sackmann ins Finish und wir alle an den Esstisch, der nun im Wintergarten steht: Mittagessen! Und he, das ist sogar echter Wein in den Gläsern und die Ravioli sind nicht nur im Vergleich zu den wackeren Sackmannschen Speisewagenmaultaschen vom Vortag wahre Edelsteine, was der nun sehr entspannte Meister völlig in Ordnung findet. Alleine, auch hier hat sich der Bärlauch wieder so gut versteckt, dass man ihn kaum vermisst.


Mittags im Kurpark

Sodann: kleiner Umtrunk (Ausnahme, weil Ausstand), Fachsimpeln mit dem Fernsehkoch übers 60-Grad-Garen, Amüsieren mit dem Fernsehkommissar über die Tiefkühlfrage, Beantworten am Telefon von weiteren Fragen, letztes Händeschütteln mit dem Ex-Nachbar, Hinaustreten in die wirklich Welt – in der plötzlich Frühling ist. Ganz Baden-Baden ist nun eine Mittagspause, ich spüre, dass die Grundspannung der letzten Stunden wie Schnee in der Sonne verschwindet und das Herz zum Luftballon wird. Am Kanal entlang stehen Tische voller Leute unter Bäumen voller Blüten vor stattlichen Häusern, es schwirrt und schimmert und duftet, wie ich es auch aus der ehrwürdigen Kurstadt kenne, in der ich aufgewachsn bin.


Eisbecher unter der Markise des Eiscafe Capri

Ich lande schließlich bei Nusseis und Espresso auf der Terrasse vom Eiscafé Capri, das mir DER Platz an diesem Sonnentag zu sein scheint. Alle sind sehr froh und ein bisschen französisch. Es wird schon seinen Grund haben, warum mir so viele badische Freunde und Feinschmecker einfallen.


Blick aus dem Speisewagen

Nachdem ich mit dem Zug durch Apfelblütenwolken zurück ins Bayerische geschwebt bin, muss ich kurz vor acht noch schnell in den Supermarkt. An der Kasse im Wagen vor mir: eine TK-BBQ-Pizza, je eine eingeschweißte Kasselerwurst mit Grünkohl und Bockwurst mit Linsen, eine Packung Baked Potatoes für die Mikrowelle, ein Liter Schokomilch, eine Schachtel Underberg. Wäre mir das in Baden-Baden auch passiert? Kaum. Will ich da jetzt hinziehen? Nein – denn woher hätte ich dann diesen Schluss genommen?

(Nun, vielleicht aus Hessen. Von dort erreicht mich nämlich einen Tag später dieses Mail von Onkel Poldi, der mit Familie zehn Jahre in Italien gelebt hat: „Normalerweise schauen wir nie im Leben mittags um 12 Uhr fern. Diesmal aber doch, und außer Dir gab es noch einen Grund zum Zusehen: Wir hatten unsere beste Freundin am Telefon vorgeschickt, um Dich ein wenig in Verlegenheit zu bringen mit der Frage, ob man Nudeln auch in der Tiefkühltruhe aufbewahren könnte. Unser Urteil: Gut gemeistert – bella figura!”)Wer keine Feinde hat, hat immer noch sein Familie.

Ciao und ein sonniges Wochenende von Baden-Baden bis Bayern bis Bad Homburg wünscht Euch der Mittagesser.



4 Kommentare zu “Schwarzwaldnudel”

  1. Tobias

    “Schwören” ist unregelmäßig: schwören, schwor, geschworen.

  2. SEBASTIAN

    Ja danke, Tobias. Ich dachte dabei wohl an „Wörter” (Gefasel) und „Worte” (gewichtig), und das mit dem Schwören oben war ja eher gefaselt als gewichtigt. Egal, du hast Recht und ich falsch, pardon, Falsch.

  3. rettet das mittagessen » Blog Archive » Mein lieber Leberkäse!

    [...] so an einem Wochenende einmal Maultaschen von Jörg Sackmann aus der Bahnküche und einmal aus der ARD-Buffet-Küche genießen konnte. Biolek und Witzigmann waren auch schon hier, und jet [...]

  4. beatrice

    Der Fotograf scheint Manches gedacht zu haben – trotzdem es sich schmecken lassen !?

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