Volle Kanne yin und yang

Fangen wir gleich mit der Pointe an (einen Absturz – an der Dose natürlich – hatten wir heute schon): Vor drei Freitagen sprach ich mit zwei Damen eine Stunde lang so intensiv über indische Curries und Chutneys, dass ich danach zum Thailänder am Eck ging, woraufhin am Montag drauf der Koreaner gegenüber verkündete, dass er seinen Laden dicht macht.

Eigentlich hatte ich ja für das Mittagessen an jenem Freitag den Härtetest ins Auge gefasst – die neue Terrasse vom Orelans Stüberl am Ostbahnhof mitten zwischen Gulaschkanonenschüssen aus den Tiefen der Münchner Stüberlkultur und brüllendem Ab-ins-Wochenende-Verkehr. Doch auf dem Weg dorthin blieb ich an diesem sonnigen Fels in der Brandung hängen, der an der Mündung von Stadtstraße in Landstraße auf Augenhöhe mit der S-Bahnbrücke gegenüber liegt, unter der der Verkehr sich von allen Seiten vierspurig bricht und dann in Richtung Osten aus der Stadt strömt. Früher war hier die Unterfahrt, ein von den Bands aus aller Welt nicht zuletzt deswegen geschätzter Club, weil der Chef hier immer für sie im Hinterzimmer kochte (Freitag-der-Dreizehnte-Deutsch). Und so konnte man hier manchmal in Münchens lauen Mitternächten von der Terrasse aus bei Chili und Bier über die Nachttaxis bis nach Paris, New York, Tokio schauen, na, zumindest heftig träumen. Bairische Großstadtgefühle. Vorbei.

Jetzt kann man nicht einmal an Föhntagen mehr bis zu den Alpen schauen, weil der Telekom-Riegel sich in den Blick schiebt, in dessen Skyline Bar nun das NewYorkParisTokio-Gefühl duty-free zu haben ist, also ohne die Verpflichtung, sich in München zu fühlen. Fad. Hier unten aber nicht, schon gar nicht an diesem blitzblauen Tag unterm gelb-braunen Kastaniendach, wo sie diese schweren Tropenholzmöbel hingestellt haben und noch ein paar Asia-Laternen und Wagenräder dazu. Zusammen mit den Weißbierschirmen und Businessblauhemden von den Konzernen gegenüber der brüllenden Straße ergibt das jene wilde Mischung, die einen fast schon wieder ruhen lässt – volle Kanne yin und yang halt.

Wenn ich Erwachsene sehe, die eine Rolle spielen, stelle ich mir zu gerne vor, wie die wohl als Kinder waren. Welche Rolle sie da hatten, in der Familie, in der Clique, in der Schule. In Lokalen wie diesen wird es dann immer ein wenig folkloristisch, wenn ich versuche mir vorzustellen, wie diese Thailänderin aufgewachsen ist, die da gerade vor mir steht und fragt, ob ich eine große oder kleine Apfelschorle will. Ich war noch nie in Thailand, eigentlich noch nie in Asien (Japan ist ein Sonderfall), aber ich bin mir ziemlich sicher, dass „Apfelschorle” dort als sehr exotisch gilt. Und ganz sicher hat diese Frau als Mädchen nicht im Traum daran gedacht, einmal in einer Voralpenstadt unter Kastanien zu stehen und sich mit den Größen von Schorlen zu befassen.

Und ihr Chef – ein freundlich-hektischer Thai in seinen besten Jahren – wird sich bis vor kurzem auch nicht gedacht haben, dass die Globalisierung ihm ausgerechnet hier von Korea aus in die Suppe spuckt: der dicke Turm im Bild ganz oben ist nämlich die Gallionsfigur der BenQ-Zentrale in München, die vielleicht bald nicht mehr dort drin sein wird. Aber wer weiß, vielleicht hat der Mann auch seine Siemens-Aktien längst abgestoßen, seine Ländereien in Thailand kurz vor dem Putsch an westliche Hotelkonzerne verkauft und kennt auch schon den Nachmieter der BenQ-Zentrale, weil der bei ihm auf dem Herrenklo in der journalistenfreien Zone den Mietvertrag unterschrieben hat. Folkloristische Gedanken eben. Sicher ist aber, dass man noch zwei weitere Lokale in der Stadt hat, die alle hochgelobt werden.

Ich bin zum ersten Mal da. Die Fakten: Das Lokal heißt Khanittha, zu Mittag gibt es hier ein Buffet zum Preis einer Kochbuchlesung (7 Euro), das wirklich ordentlich ist. An diesem Freitag gibt es angenehm scharfes und leichtes Hähnchencurry, in einem zarten Teig knusprig frittiertes Gemüse, Gemüse aus dem Wok, das Biss hat und nach sich selbst schmeckt, gebratene Nudeln. Man darf sich Nachschlag holen, ich tue es in dem schönen Innenraum und stehe hinter drei US-Men, die nichts tun. Die Nachmieter? Ah, sie warten aufs Fleisch. „Just two minutes”, säuselt der eilende Chef. „Another two minutes”, säuert es mit einem schnaubenden Lächeln zurück. „So, it’s fresh!?” kommt der Ruf aus der Küche.

Ich pfeif aufs Fleisch, setze auf Gemüse und nehme mir auch schon mal Früchte zum Nachtisch. Neben mir schnaubt es ungeduldig. Ich gebe dem Mann meine Gabel und nehme die andere, die neben dem Teller liegt, dann putzen wir gemeinsam die Platte. Der Chef lacht. Wir lachen. Geht doch. Ein schönes Wochenende nach dieser Woche, die mir mal wieder gezeigt hat, was alles im Mittagessen drin sein kann.


Vorbildlicher Feng-Shui-Verhau hinterm Bambusparavent im Garten des Khanittha


Und dann war da noch dieser Sportsfreund auf dem Weg zum Kochbüro, der den Estrich so elegant glattsurfte, dass es ganz nach einer neuen Trendsportart aussah. Hier werden aber nur Wohnungen für neue Khanitta-Gäste gebaut.

Khanittha 3
Schöner (innen) wilder (außen) Thailänder mit sehr ordentlicher Küche bis hinunter zum Mittagsbuffet. Der Service ist flink, mal lustig, mal freundlich, mal hektisch, mal streng. Volle Kanne yin und yang halt.
München-Haidhausen, Kirchenstraße 96 (Ecke Orleanstrasse), Tel. 089 – 54804766
täglich 11.30-14.30 und 18-1 Uhr

Weiteres Lokal in München-Neuhausen (Thorwaldsenstraße 19) – Khanittha 2 suche ich noch. Und was der Name heißt, auch. Hilfe?



6 Kommentare zu “Volle Kanne yin und yang”

  1. matla

    hallo!

    wahnsinn! sind wir seelenverwandte?
    ich habe auch so ein mittagessenblog: http://mittagessen.viennablog.at/ , aber meine Fotos sind schöner.

    lg
    matla

  2. Gabriele

    Schönere Fotos. Soso.

  3. SEBASTIAN

    Ja hallo nach Wien! Ich glaube, wir haben sogar fast zur gleichen Zeit mit dem Notieren im Netz begonnen, bei mir war es im Mai 2005 (damals noch per Newsletter an Freunde). Schaue natürlich viel zu selten auf die Seite, obwohl auch das Essen viel besser als meine Fotos schön sind, und entdecke nun dank diesem Hinweis, dass passionierte Mittagesser wohl auch immer Apfelliebhaber sind – mein Favorit ist derzeit der Berlepsch. Als Japanfan schätze ich aber besonders die Matlasche Wurstsemmeldiät wegen ihres rituellen Charakters (lebte drei Jausenjahre in Niederösterreich selbst danach).

    Good lunch to Vienna

  4. Silvia Stelzer

    Hallo, liebe Mittag – Essen – Freunde,

    ich war von Sebastians Artikel in der ” Berliner Zeitung” ganz begeistert und fand es toll, dass sich endlich mal jemand dieser scheinbaren Nebensache(Mittagessen ) widmet.
    Jede Zeile war mir aus der Seele gesprochen.
    Ich bin zwar gleicher Jahrgang wie du, aber werde von meiner Umwelt als konservativ und altbacken betrachtet, weil ich am Wochenende noch richtiges ! Mittagessen koche.

    Ich komme aus der autonomen Volksrepublik Thüringen, dem Land der ungesunden Ernährung: fette Rostbrätel, Klöße, die schwer im Magen liegen, specktriefende Rostbratwürschte,duftende Kuchen, die mit guter Butter gebacken sind.

    Ich brauchte als Kind nicht in den doofen Hort und meine liebe Oma hat jeden Tag bäuerlich gekocht. Der Geschmack war unbeschreiblich – gut.
    Jedes Wochenende dann das gleiche Ritual: Es wurden für 7 Personen Thüringer Klöße gekocht. Und wir Kinder mußten ran: Kartoffeln aus dem Keller holen, abbürsten, schälen, mit der Hand!!! reiben, Kloßmasse machen, formen,Brotwürfel braten und ab in den riesigen Topf = Kloßtopf. Dazu gab es herrlichen Braten, im Winter oft Wild, was mein Vater aus Versehen angefahren hatte.

    Aus der Kloßbrühe, die ja ziemlich dick und pampig war- vom Abkochen, wurdeZudelsuppe gemacht: einfach Saz, Pfeffer und Majoran dran und noch ein bisschen angedickt – fertig war die Zudelsuppe – nichts kam um.

    So – und nun bin ich in meiner Umgebung ein echter Exot, weil ich viel Wert auf Mittagessen lege. Meine Nachbarn und so machen nur einen auf Halbpension: spät frühstücken, abends dann reichlich essen. UUUUUUHHHHH!!!!!

    Für mich ist Mittagessen mehr als bloße Kalorienzufuhr. Ich finde es schön, wenn man mit der Familie oder Freunden um dampfende Schüsseln sitzt und ißt und schwatzt und ! genießt. Das ist ein Stück Eßkultur und schweißt alle zusammen.
    Ich habe beobachtet: Da wo wenig Wert auf Essen gelegt wird, da haut in der Familie irgendwas nicht hin.
    Und in Berlin, da wo ich jetzt wohne gibt es keine Eßkultur. Berlin hat noch nicht mal ein eigenes Nationalgericht.
    Wo kann man deine Kochkünste mal genießen?

    Freue mich auf eine Antwort. Bis dahin – immer schön Mittag essen.
    Alles Gute
    Silvia

  5. Lebensfähig » Reise durch die Food-Blogs - KW 41

    [...] mt von Katsu. 13.10.06: Koch-Autor Sebastian von rettet das mitagessen ist Volle Kanne yin und yang. 13.10.06: Auf Chili und Ciabatta erzählt Petra von ihrem erfolglosen [...]

  6. rettet das mittagessen » Blog Archive » Fundstücke

    [...] dass es da auch bald mal was Warmes gibt! Außerdem hat mir eine Mittagesserin aus Berlin (hier im Kommentar) ein Rezept für thüringische Backofenkartoffeln gesandt, das mich an den el [...]

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