Tod dem Bitterhasen!

Lange habe ich geglaubt, diese Schokoladenboutiquenbesitzer und Kakaomanufakteure sind alle ziemlich schwach entölt, sprich, haben zu viele Tassen im Schrank. Nicht genug, dass die Magnum-Marketingler schon das Eis am Stiel zum Zeitgeist aufgeblasen haben, die Mineralwasserstrategen uns die Auswahlbedingungen auf der Getränkekarte immer schwerer machen, da wo wir doch bloß „ein Wasser” wollen oder dass die Coffeeshopfranchiser auf unsere Höchstkosten Lifestyle to go in Pappbecher packen – ne, jetzt müssen sie auch noch mein kleines Stück vom Glück, die Schokolade, mit Trendsoße überziehen und durch den Premiumerhitzer schicken, damit die Rippe dann 1 Euro aufwärts kosten darf.


Schokobitterhase, ertränkt und geschmolzen in Butter, um daraus diese Schokomousse zu machen.

Wäre ja noch in Ordnung, wenn es passt. Aber wenn ich Schokoläden sehe, die wie Tiffany’s oder sonst ein aufgeklärter Kleinmädchentraum aussehen und dann ist da so ein Typ drin ist, der bei der Frage nach weißer Schokolade erst dreimal „John Malkovich” murmeln muss, um trotzdem nur wie ein Abziehbild maliziös zu lächeln, weil er nämlich tief in seinem Herzen doch lieber Hugh Grant wäre und Caramac essen würde. Oder diese Madamelie, die schaut wie die verschmähbitterte Großstadtbauerntochter, als ich ihr erzähle, dass die Schokolade bei ihr im Regal da jetzt auch im Supermarkt in Fürstenfeldbruck zu haben ist. Da würde ich dann am liebsten wieder das Schogettenfressen anfangen, und zwar auf der Drehbühne in der Schusterbar beim Schuhmann’s.

Mach ich aber nicht. Schon weil Schogetten wirklich fies schmecken und weil bestimmt jetzt im Moment schon ein paar Ironiker das fest fürs Programmkino einplanen, wenn dort „Departed” mit Untertiteln läuft, die Ritter Sport in der Filmographie von Martin Scorsese. Und wegen des Chardonnay-Effekts lasse ich das auch mit der öffentlichen Schokophilie-Phobie. Was das nun wieder für eine Effekt ist, habe ich hier schon einmal am Beispiel der Schokolade ausführlicher beschrieben, in Kürze geht der so: Etwas ist so gut, dass es immer mehr wollen und so auch machen, bis es so schlecht ist, dass man vor lauter Rundumbeschimpfung ganz vergisst, dass es das Gute immer noch zu Recht gibt. Hä?

Konkret gesagt: Ein klassischer Chardonnay von einem guten Winzer verdient immer noch den ganzen Jubel, den er einst bekam, ebenso seine gewissenhafte Weiterentwicklung von Leuten, die dabei dem Wein gefolgt sind. Und jetzt das Ganze noch mal in Braun: Behutsamen Chocolatiers alter Schule, (bei uns zum Beispiel Dallmayer in München oder Hachez in Bremen) folge ich gerne auf ihrem Weg zu neuen Kreationen, und in Schokoläden, die nicht gleich humorlos einen auf Tempel machen (wie zum guten Beispiel Stolbergs Schokoladen) probiere ich dann sogar mal eine Tafel mit Weihrauch drin und finde das auch noch gut, obwohl sie doch aus dem Zotterland kommt, wo eigentlich alles losging, als sie die dort schon immer üblichen superfiesen gefüllten Schokoladen durchs Premiumtauchbad geschickt haben, bis die Leute am Ende sogar Griebenschmalz in der Praline toll fanden.

So. Es gibt noch einen Grund, warum ich das mit der Schuhmannschen Schogettendrehbühne nicht mache: Wer schreit, hat selten Recht. Und: Man sieht nur was man kennt. Weswegen ich mir mit meinem Gegenedelschokoladengeschrei hier gleich mal selbst verdächtig vorkomme als Aushilfsmalkovich und verschmähbitterte Kleinstadtbauerntochter, die, weil ihr das Volk das edle Spielzeug weggenommen hat, sich gleich zum billighasenfutternden Trashsnob wandelt, um schnell wieder „dagegen” zu sein.

Weswegen ich mich gelassen zurücklehne, wie es sich für einen Milchschokoladengenießer gehört, und die Leute weiter ihre 99%-Tafeln zum großen Bordeaux futtern lasse, um sich weltgewandt und trendgesund zugleich zu fühlen. Muss ich nix mehr zu sagen. Weil ich dazu schon alles im neuen Myself-Foodblog gesagt habe: Edelbitter? Bitte nicht. Und wer jetzt mal was Positives lesen will, dem empfehle ich mein Comfort-Egg-Rezept im heute erschienenen Vanity Fair: Wie mach’ ich ein gutes Rührei?


Schokobitterhasengrab



14 Kommentare zu “Tod dem Bitterhasen!”

  1. Petra S.

    hui, der Text erfordert große Konzentration.
    Ganz schwindlig wird es einem von den leidenschaftlichen Worten der elitären Schokowelt – Schokophilie-Phobie, Aushilfsmalkovich, verschmähbitterte Kleinstadtbauerntochter, billighasenfutternden Trashsnob und dem Schuhmannschen Schogettendrehbühne …

    Da erinnere ich mich an die beschauliche Welt der Drehbühne im Milka-Lila-Chocoland des Europaparks.
    “la, la, la, la, la, la……wohin die Reise geht” (ich dachte diesen doofen Refrain vergess ich mein Leben nicht und nun ist er doch weg)

  2. Hande

    Ah Sebastian,

    wenn ich Dich nicht persönlich kennen würde, würde ich jetzt sowas von los kritisieren…. Jetzt sag ich mal nur das: Ich weiss nicht, wie es den anderen Bitterschokoessern geht, aber ich fühle mich beim bitter schoko essen (ab 60% bis 99%, ja) weder weltgewandt noch gesund. Und als ein “Rohling” auch nicht. Mir schmeckt es einfach, ich mag allgemein nicht allzu süßes und milch sowieso nicht, da schmeckt mir der Milchschoko zu “infantil”. Ja, auch die Griebenschmalz etc Kreationen schmecken mir gelegentlich (nicht alle). Hast recht, wenn Du gegen die wetterst, die das bittere als das einzig Wahre ankünden, aber Milchschoko ist auch nicht des Weisheit…. usw. Warum kann nicht jeder das essen, was ihm schmeckt, und glücklich darüber sein, ohne sofort in Schubladen gesteckt und kritisiert zu werden?

  3. SEBASTIAN

    Ok, Hande, das war jetzt schon ein wenig „Death by chocholate”von mir: erst der arg aufgefettete Text hier, der aber nur Basis war für heftiges Schokoextrakt im Zweitblog, garniert mit nicht immer ganz zu Ende conchierten Dekowörtern. Aber he, das ist nun mal die Diät, bei der ich mich fürs „1. Große Promischokofressen” muhammedaliesk auf Kampfgewicht bringe, um dann auch offen für überzeugende Gegenschläge zu sein.
    Also, ich lade Dich herzlich dazu ein, jetzt schwer einen los zu kritisieren. Denn was wäre die Welt, die Blogwelt allemal, ohne eine starke Meinung? Wie eine Welt ohne Milchschokolade, fürchte ich. Was jetzt nicht heißt, dass ich mich in den Milka-Chocoland-Europapark wünsche, Petra S.

  4. SEBASTIAN

    Hier noch ein Link für alle Goldhasenfans (der im Butterbad da oben ist einer, aber ein bitterer) nicht nur in Berlin: http://www.lindt.de/pr/kadewe/index.php

  5. Hande

    Ah Sebastian, hab schon eigentlich alles gesagt, was ich wollte, glaube ich. Ich bin ja nicht gegen Milchschokoesser und will sie auch nicht umkehren (bleibt mir mehr kakao übrig!), bin nur glücklich mit meinem bitter (und abundzu auch bekloppte kombis) und möchte deswegen nicht wie oben beschimpft werden. Ich dachte nicht, dass beim “1. Große Promischokofressen” um die “Gegner” zu überzeugen ging, sondern, daß die Produzenten und ihre Produkte unter die Lupe genommen werden(?). Mache doch extra eine Paris-reise deswegen!
    PS: Eine starke Meinung setze ich doch eher mit hoch prozentige schoko gleich ;-)

  6. SEBASTIAN

    Da hast Du Recht im p.s., Hande, und wenn Du schaust, habe ich mir bei meiner starken Meinung ein paar Hintertürchen offen gelassen („Ist doch nur Spass!” „Ich ärger so gern!” „Ich bin doch auch nicht besser!”), typisch Milchschokolade eben. Und keine Angst vorm Schokofressen, man muss dem Theobromin einfach ein wenig Adrenalin beimischen, damit es richtig kommt. Vor allem wenn noch Milch im Spiel ist.

  7. Marius

    Hui, wie kann man dies Thema nur so erst nehmen. Schokolade, bitter oder nicht, ist zum Geniessen da, oder hat da jemand zuwenig von der Nervennahrung genossen und geht drum so hoch. Ich freue mich auch schon auf den ersten Hasen, ob hell, ob dunkel. Und einen Schlag von der Moussee, bittesehr.

  8. SEBASTIAN

    Leute, da müsst ihr jetzt durch, wie damals bei der WM.

  9. fressack

    Ich esse so gerne weisse “Schokolade”….

  10. loreley

    Kommt der Schreibe zugute das Aufregen. Und ich kann’s verstehen.

    War es nicht das beste Marketing seit langem die “Altherrenschokolade” teuer unter’s Volk zu bringen?

    Ich bin weitgehend wieder zu Milchschokoladigem zurück. Bei Lindt finde ich aber, dass es zu karamellig schmeckt. Schokolade sollte vorallem nach Schokolade schmecken. Beim Osterhasen ist mir das scheinbar egal. Ich denke immer, ich ess den nicht und kurz darauf ist er weg.

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