Vom Lietzmann zu Lindemann: die Pommes Boutique

Unser Dealer hieß Lietzmann. Er hatte seinen Laden in einer Seitenstraße der Fußgängerzone dieser kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Keine Ahnung, ob er noch da ist im Erdgeschoss neben jenem Haus, in dem mein Deutschlehrer bei seiner Mutter wohnte. Ich war schon lange nicht mehr in der kleinen Stadt. Und schon gar nicht beim Lietzmann.


Vor der Pommes Boutique

Er war der Nährer unserer frühen Nächte, wenn wir beim Pendeln zwischen den Pubs und Eisdielen irgendwann Hunger bekamen und es hieß: „Zum Lietzmann?” Was fast immer hieß: eine Riesentüte dicker goldgelber Pommes mit einem Riesenflatsch Ketchup obendrauf, der einem am Anfang das Essen mit Anstand fast unmöglich machte und die direkt darunter liegenden Fritten aufweichte wie abkühlte, dafür blieben die unteren Schichten in der Tütenspitze schön warm unter diesem Saucendeckel, dessen Rest man sich dann am Ende mit den Restpommes von Hand und Tüte schaben konnte.

Sicher konnte man sich beim Lietzmann auch hinsetzen und mit Messer und Gabel essen, aber das konnte man zu Hause auch. Weswegen das dunkelgetäfelte, samtbezogene und schmiedeiserne Brauereimobiliar nur dunkel in meiner Erinnerung liegt und sich dort schon längst mit den flüchtigen Einblicken in andere Kleinstadtimbisse und Bräustüberl vermischt hat. Nur diese Pommeshöhle gleich hinter dem Butzenscheibeneingang leuchtet heraus, wo damals einer unter schummrigem Neon fluchend Pommes aus dem Stahl presste.


Saucen in der Pommes Boutique

Wie bitte? Ob das der Lietzmann…? Schon möglich, das war in meiner vorgastronomischen Zeit, als ich Lokal und Personal noch nicht gleich mit dem Eintreten gewohnheitsmäßig abscannte… Ach so, nicht das war die Frage, sondern: „Gepresste Pommes!?” Nun, er hatte da so einen Stahlzylinder mit einer Art Pumpenschwengel dran, und wenn er den drückte, fiel eine zu Stäbchen gepresste Masse durchs Kantlochsieb, und das waren dann die Pommes. Heute würden sie vielleicht „Lietz’s Pringles” heißen, damals waren das für mich und meine Freunde in der kleinen Stadt aber DIE „Pommes Frittes” – McDonald’s war weit weg in Frankfurt oder Gießen, und McCain war gar kein Begriff. Richtige Pommes wsaren aber auch kein Begriff, und vielleicht sind sie mir deswegen bis heute eher egal geblieben.

Und vielleicht ließen wir deswegen vor zwei Wochen diesen Laden erst einmal links liegen, als wir in Schwabing auf Mittagessenssuche waren. Wir waren sehr hungrig und hatten uns was Bestimmtes in den Kopf gesetzt, was in dieser Kombination leicht schiefgehen kann, weswegen wir nach zehn Minuten Herumirren „Stopp!” riefen und dann doch hineingingen: in die Pommes Boutique.


Trinken in der Pommesboutique

Lustiger Name. Lustige Farben: grelles Grün im Industrienoppenstil an den Wänden, dazwischen knalliges Pink und Rot, zur Beruhigung minimalistische Tische und Hocker aus schwerem Eichenholz und eine große schwarze Tafel, auf der die Spezialitäten des Tages und schicke Getränke stehen: Bionade, Vanilleprosecco in Dosen, Gin Tonic, Averna, Danesi Caffee. Doch die schickste Spezialität ist hier das Stammessen: Pommes. Handgeschnitten, ungefroren, einmal sanft und einmal kross frittiert in einer ausladenden und wohltemperierten Friteuse. Also so, wie es in jedem guten Grundkochbuch drinsteht. Und wie man es selten in der Imbissbude nebenan bekommt, außer man lebt im Pommes-Dorado Belgien. Oder eben neben der Pommes Boutique.

Deren Cheffrittendesigner Bernhard Heiler zählt zum „Nationalen Belgischen Verband der Frituristen“ (was das heißt oder auch nicht heißt – mehr dazu hier) und importiert nicht nur die Kartoffeln, sondern auch mehr als 20 Saucen von Mayo bis Samurai aus seinem Dorado nach Schwabing. Die Beilagen dazu reichen von exotisch bis regional, die Würstchen kommen aus den Hermannsdorfer Landwerkstätten.


Käsekrainer in der Pommes Boutique

Tja, auch Pommesessen ist nicht mehr so simpel, wie es früher mal war. Drum machen wir es uns jetzt mal einfach und reden nur übers Essen: die Käsekrainer waren gut wie vieles von den Hermannsdorfern; die Saucen interessant, aber nicht so sehr, dass ich mir die Unterschiede zu Rot-Weiß wirklich gemerkt habe; auch an den Pommes nichts zu meckern, wobei ich das frituristisch Belgische nicht mit aller Macht rausgeschmeckt habe. Aber was soll man auch von jemandem erwarten, der mit Lietzmanns Presspommes groß geworden ist und denkt, dass manches auch seine Ruhe vorm Designer haben sollte. Aber für ein Franchisemodell ist das sicher recht und prima. Vielleicht sogar in meiner kleinen Stadt – denn wie ich gerade google, gibt es das „Paprika” (genau, so hieß das Lokal eigentlich) dort zwar noch und „der Lietzmann” wird dort auch noch verehrt – aber von seinen Pommes kein Wort.


Pommes in der Pommesboutique

Pommes Boutique
Kreuzung aus Imbissbude, Designerbar und Studentencafe, die sich ganz dem Wahren, Schönen und Belgischen der Fritte (2,20 Euro die Portion) mit Mayo (mehr als 20 verschiedene Saucen, 50 Cent das Töpfchen zum Nachfüllen) verschrieben hat – ob sie es zu sehr oder zu wenig ernst meinen, ist für mich noch nicht raus. Egal: schmeckt gut, trinkt gut, sieht gut, liegt gut. Gut jetzt.
München-HaidhausenSchwabing, Amalienstraße 46, Tel. 089 95 47 33 12
Mo-Sa 10-22 Uhr, So & Fei 12-22 Uhr
www.pommesboutique.de



21 Kommentare zu “Vom Lietzmann zu Lindemann: die Pommes Boutique”

  1. Christian

    Hm, die Amalienstraße ist aber nicht so ganz in Haidhausen, Ich würde da eher auf Maxvorstadt tippen, Hinter der LMU. ;-)

  2. SEBASTIAN

    Oha, Christian, einigen wir uns etwas unscharf auf Schwabing?

  3. Christian

    Schwabing, Weil’s besser klingt. ;-) Beginnt eigentlich erst auf Höhe der Ohmstraße…
    http://www.muenchen.info/ba/03/karte.html

  4. fressack

    Da hat doch mal wieder einer ein Konzept & einen Anspruch. Erfrischend. Tröstlich. Weiter so.

  5. SEBASTIAN

    Genau, Fresssack. Als nächstes wünsche ich mir eine japanische Nudelsuppenküche.

  6. Hande

    Es soll jetzt auch ein Pommesladen auf der Nordendstrasse geben, am Kurfürstenplatz-ende, direkt neben Koriander (übrigens beste Vietnamese Münchens), kennt jemand den? Japanische Suppenküche: Auf der Frauenstrasse gibt es ein klitzekleiner Japaner, wo sehr viele Japaner hingehen und Suppen schlürfen, der Name fällt mir nicht ein. Hast Du das mal probiert, Sebastian?

  7. SEBASTIAN

    In der Frauenstraße kenne ich das Shoya und den japanischen Supermarkt, der nicht so schlecht ist. Da gab es auch mal ein Cafe dabei, das mich sehr an die japanischen Versuche erinnerte, Teehaus, Coffeeshop und Konditorei zu kreuzen, dort fühlte man sich gleich ganz weit weg. Ist jetzt entweder auch Laden oder diese Suppenküche. So was meinte ich auch: Jemand mit Leidenschaft wie der pommeswirt, der sich mal Ramen&Co annimmt. Muss aber auch nicht gleich wieder der Megastore wie Wagamama sein.

  8. gitte

    Dann mußt Du unbedingt mal nach D’dorf kommen: Die Nudelsuppen im Naniwa auf der Klosterstrasse sind so köstlich!!!!

  9. SEBASTIAN

    Ich glaube, ich weiß jetzt, was ich zum nächsten oeffentlichen Mittagessen mache: German Ramen (Spätzle und Linsen auf japanisch)

  10. Milla Moyet

    Hallo, Sebastian,

    die Einladung nach Düsseldorf hast Du ja schon für ein japanisches Mittagessen bekommen. Natürlich gibt es in der stylischen Mode- und Werberstadt schon länger eine Pommesboutique, schau doch mal unter curry-deutschland (könnt ich doch bloß verlinken), da können die ganz schicken Düsseldorf auch ihr Lieblingskracherl zur Currywurst bekommen…

  11. SEBASTIAN

    Danke Gitte, voila Milla: Naniwa sieht sehr gut aus, und hier der hochverdiente Link zum Currywurstrestaurant (unbedingt das Intro mitnehmen, Charles Wilp lässt grüßen). Ich kann nur sagen: Dazzeldorf, ich komme (es soll dort auch so einen Japanladen mit High End Sojasaucen geben, den ich bei meinem einzigen DDorfbesuch leider links liegen lassen musste). Genug geklammert.

  12. gitte

    Ok! Die Einladung ins Naniwa steht ; -)
    Die Homepage vom Curry ist echt gelungen… aber der Laden selber… naja, ich weiß nicht, ob man seine Bratwurst unbedingt mit Blattgold veredelt haben muss, um diese dann mit Champagner herunterzuspülen. Ist nicht so mein Fall, obwohl die Pommes dort wirklich sehr lecker sind.
    In D’dorf gibt’s eine Menge japan. Läden, da bekommt man wirklich alles!

  13. johanna

    kaesekrainer! davon kann ich hier nur traeumen. in der city gibt’s zwar einen deutschen wuerstelmann, aber das ist momentan fuer mich unerreichbar weit weg. nur dann und wann bringt mir mein mann eine weisswurst mit, die ess ich dann mit echtem hausmachersenf vom viktualienmarkt, den mir nicky mal geschickt hat… und die welt ist wieder in ordnung!

  14. SEBASTIAN

    Ich glaube, den Senf kenne ich, Johanna… Und von dem deutschen Würstelmann in London (?) meine ich kürzlich was gesehen, das scheint ja die Geschäftsidee des Jahres gewesen zu sein? Wundert mich nicht bei dem, was im Englischsprachigen sogar unter „Gourmet Sausages” gehandelt wird. Gute Würstchen, das war nach gutem Brot das Zweitvermissteste in Australien. Mein herz gehoert aber zuerst den Echten (!) Frankfurtern.

  15. johanna

    “echt”? was isn’ das bitte? obwohl ich mich voll und ganz anschliesse, so unpopulaer das auch sein mag! aber es muessen schon richtige sein. mit echter wursthaut, nicht so labrige herta wuerstel! von einem ordentlichen fleischer. die haben meine eltern immer im gepaeck, wenn sie uns besuchen… mmmh!

  16. SEBASTIAN

    Das ist für mich echt, Johanna – aber nur die im Vakkumpack sind schön knackig und schmecken ganz pur. Ich war mal bei den Wirths, die machen das so, wie sie sagen.

  17. isarstadt.de » München Bits: Farbverläufe

    [...] getaucht. Et voil? : Rot-Weiß: Der mittagesser ist bei einem Besuch in der Schwabinger Pommes Boutique ins Träumen geraten und eri [...]

  18. midori

    Aha, interessant. Nach den Edelcurrywurstbuden jetzt also die Pommes-Boutique.
    Ich sach ja immer: Hauptsache, es schmeckt. Und das tun die belgischen Frites hoffentlich auch in München.

  19. SEBASTIAN

    Sie schmecken, Midori. Aber mir fehlt das fettige T-Shirt.

  20. SCOOTER

    Montezuma’s Revenge

  21. Rebi

    Da ises sooo lecker! Nur die Brownies sind zu klein und zu teuer.

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