Der Mittagesser kauft sich einen Hut und geht mit sich essen

Du bist spät dran. Und Du bist in der falschen Straße. Herzog Wilhelm, nicht Herzog Heinrich. TAXI! Zehn zähe Minuten später stopfst Du die Quittung in die Hosentasche, während Du eine Treppe hochläufst. Ihr sprecht über Essen, Erinnerungen, Vergessenes. Als Du später wieder auf der Sraße stehst, denkst Du: Hier haben wir mal gewohnt. Über die Kreuzung hinter dem Stadttor in dem Hof, wo früher ein Italiener im Vorderhaus war und jetzt ein Fitnessstudio ist.

Du bist voller Tatendrang und wirst kurz sentimental, als Du beim Tor stehst und auf den Teeladen schaust, in dem Du früher jede Woche warst und nun seit neun Jahren nicht mehr. Auch heute nicht. Bäcker Bodo sitzt mit seinen Spezln vor seinem Cafe und schaut allen Passanten ins Gesicht, während er redet. Du gehst in das Lokal nebendran, das eine Kollegin führt, weswegen Du schon immer mal reinschauen wolltest, auch wenn Du jetzt eigentlich für Dich sein willst, aber wenn Du schon da bist, auf einen Kaffee zumindest…

Die Kollegin ist nicht da, es ist dunkel und menschenleer, aber voller Tische eng mit Gedecken drauf bis hin zum Weinglas. Sie sperren gerade erst auf für den Mittag und in einer Stunde wird es hier toben, jetzt aber schaut der Kellner auf die Uhr und sagt, die Kaffeemaschine ist noch kalt, aber drüben beim Bodo, die ist schon lange warm. Gut, der Mann. Du sagst, Du kommst dann ein anderes Mal zum Essen wieder. Er schaut an Dir vorbei.

Also das Unbekannte. „Vitaminbude” steht groß an einer Hauswand über einer Markise, darunter ist ein Raum mit Glas außen rum, hell, weit, frühlingsfarben. Es duftet nach Basmatireis, sie haben Peperonata dazu und ein Gemüsecurry mit einem Namen, den keine hier aussprechen oder erklären kann. Die esoterisch-elegante Dame verweist Dich an die gesund aussehende Dame hinter den Töpfen, die nun alle ihre Deckel hebt. Peperonata sieht aus wie Dein Paprikagemüse, wenn es schnell gehen muss, das Curry leuchtet gelb und schön. Alles ist vegetarisch und biologisch hier, erklärt Dir die Dame, hier eine Liste aller Zutaten, falls man etwas nicht verträgt. Ach so? Der Johannisbeernektar ist im Angebot, sie empfiehlt, ihn mit etwas Wasser zu strecken, da er recht intensiv ist.

Du setzt Dich draußen ans Eck, wo die Sonne noch zwischen Häuserzeile und Markise durchkommt, bevor sie bald dem Regen weichen wird. Das Kirchenportal gegenüber, die kleine Kopfsteinpflastersackgasse davor, eine Piazza in einem Dorf oben an den Hängen neben der Autostrada, nachdem Du glücklich den Brenner passiert hast. Ein Porsche und ein Zwei-Tonnen-Bentley schauen Dir aufs Essen. Ein Lieferwagen hält, ein Italiener steigt aus, jammert in sein Handy. Steigt ein, stößt weiterjammernd mühsam zurück auf die andere Straßenseite. Steigt aus, ein Parkuhrwächter kommt, der sagt, er kann da nicht parken, warum er nicht dorthin fährt und zeigt dorthin, wo er gerade stand. Der Italiener pfeffert das Handy ins Auto und lamentiert noch mehr, „kruzefixo!” Ach, das ist Ihr Wagen? Der kann natürlich stehenbleiben.

Der Mann vom Bentley kommt, Trachtentunikahemad, Leinenhose, lederne Flipflops, große Spiegelbrille am kleinen Kopf. Er debattiert mit dem Schupo, sie lachen kurz und trocken, man versteht sich. Als er den Zweitonner auf die Straße lenkt, verbirgt er den kleinen Rest seines kleinen Kopfes hinter seinem kleinen Handy. Einer im Filzanzug mit Aktentasche läuft zügig vorbei und kaut eine Vollkornsemmel. Ein Farbiger trägt bunt glänzende Umhänge vorbei – richtig, in der Kirche gibt es Gospelgottesdienste. Ich hole mir noch einen Kaffee, es gibt ein kleines Gespräch, bis ich mein Trinkgeld loswerde, dann die Frage, ob ich den Beleg für den Kaffee brauche? Nein. Dann wirft sie ihn jetzt in den Abfall, sagt sie und dann fragt sie die DAme am Stehtisch, ob es sie stört, dass sie jetzt gleich die Kaffeemühle an der Kaffeemaschine anmacht. Der Kaffee schmeckt verbrannt.

Draußen fragt eine vom Fahrrad heraus den Verkehrspolizisten, wo denn hier die Hohenzollernstraße ist. Ganz falsche Straße, viel zu spät. Was sie wohl noch heute mittag erlebt?


Dann kaufe ich mir einen Hut.


Und ein Eis. „Viel Spaß damit”, sagt die Eisverkäuferin. Ich esse ab jetzt immer Eis mit Hut. Schönes Wochenende.

Die Vitaminbude
Mitten im Trubel zwischen Fußgängerzone und Sonnenstraße hat sich hier ein ein großes Konzept eine kleine Oase gesucht. Wie groß das Konzept ist, verstehe ich erst später beim Besuch der Website („eine Initiative von Ärzten und Therapeuten für Patienten und gesundheitsbewusste Menschen”). Da ich aber der Mittagesser bin und mit meiner Vielfalt-Diät (nie an einem Tag das Gleiche essen) ganz gut fahre, ignoriere ich das erst einmal wie auch die Ernährungsberatung und die Nahrungsergänzungspräparate und sage: Vegetarisch-biologische Gerichte aus aller Welt nach Hausmacherin-Art, intensiv beratend serviert in einer New-Bio-Age-Sphere, die auch gut an die Strände Hollywoods passen würde. An dem münchenmediterranen Vorplatz gefällt es mir aber besser. Tagesessen 7,80 Euro, Espresso 1,90, Johannisbeernektar 2,30.
München-Zentrum, Kreuzstraße 6. Tel. 089-54 54 48 04
Mo – Fr 7.30-19 Uhr, Sa, 10-16 Uhr
www.vitaminbude.de



5 Kommentare zu “Der Mittagesser kauft sich einen Hut und geht mit sich essen”

  1. johanna

    na, endlich einer, der thomas bernhard’s erbe antreten kann. bis zu seiner verbittertheit fehlt aber noch ein stueck (das muss man auch nicht notwendigerweise perfektionieren) … hat der peymann damals nicht fritattensuppe gegessen? und macht zegna heutzutage auch huete? fragen ueber fragen…

  2. SEBASTIAN

    Was den Mittagesser betrifft, schon, Johanna, aber sonst bin ich doch noch zu lebensfroh, um dieses gewalt(tätig)e Erbe anzutreten, zumal ich ja hier nur nach Silent-Cooking-Art bildungsheischend zwei Überschriften kurzgebraten und dabei intensiv ans Cafe Bräunerhof gedacht habe – TB würde im Grabe rotieren, würde er so was hier sehen. Der Hut: nicht Zegna am Graben, sondern H&M, Neuhauser Straße. Material: Sackleinen. Preis: 9,90. Die Welt: ist schlecht ist schlecht ist schlecht. Fritattensuppe Frittatensuppe (gerade gelernt, dass es so heißt): genau. Nur wo? Zu erfahren vielleicht hier am 18. Mai. (Beachten Sie bitte das fehlende „d” als Affront gegen Deutschland und dazu den launigen Klappentext rechts davon).

  3. maike

    in die vitaminbude wollte ich auch schon mal. zweimal, besser gesagt. das erste mal fand die bessere haelfte dass es zu öko aussah, als das man einen echten hunger stillen könnte (die bessere hälfte geht auch nur mit angehaltenem atem in den grünen markt zum prosecco kauf, weil es dort so nach ökos riecht…), und das zweite mal stand selbst mir zuviel tofu auf der tafel… vielleicht beim nächsten mal. bis dahin weiter fleischpflanzerl im milchlädchen ums eck.
    schicker hut. vorsicht bei regen.

  4. SEBASTIAN

    In den Grünen Markt zum Prosecco, Maike? Macht man das jetzt? Ach, verpasst – finde ich ja fast schon wieder bohemianesk (?).
    Also, ich glaube, wer die Fleischpflanzerl vom Milchladen samt dem irdenen Ida-Charme schätzt, könnte sich beim Schweben in der Vitaminbude etwas schwer tun… Bin gespannt. Und habe den Hut gerade bei Regen ausgeführt, geht schon.

  5. isarstadt.de

    München Bits: Hinterbänkler nach vorne!

    Wir haben einen Schirm aufgespannt. Ihn verkehrt herum gehalten. Und dabei lauter glänzende München Bits gefangen. Die sind direkt vom Himmel gefallen. Ehrlich!
    Auf der Bank: Maxi erzählt uns eine sehr schöne Geschichte aus Bogenhausen. Wo es auch …

Kommentar hinterlassen