Vom Glücken des Tags


Noch warme Tasse Tee am noch kühlen Morgen in der Wiese

Es fängt damit an, dass du am morgen kurz aufschaust, während du dich in den S-Bahn-Sessel fallen lässt, und in die blitzenden Augen eines älteren Herren in kurzen Hosen schaust, der gleich ein wenig undeutlich zu erzählen beginnt und sich als über achtzigjähriger und damit ältester noch lebender Ammerseeschifffahrtskapitän vorstellt.

Als er in den Fünfzigern bei der Bayerischen Seenschifffahrt anheuerte gab es da auch noch einen Maschinisten, einen Heizer, einen Steuermann (und sicher auch einen Koch) an Bord, er musst eigentlich nur die Kommandos geben, was aber in der Nacht oder bei Nebel durchaus ein Abenteuer sein konnte, das man nur mit Kompass und diszipliniertem Timing bestand, weil man bei jeder Fahrt trainierte, auch mit geschlossenen Augen immer zu wissen, wo man gerade war auf dem See. Und wenn das Boot mal trotzdem nicht exakt längsseits an den Steg ging, konnte man den einfach ran ziehen. So war das damals.

Damals gingen auch jeden Werktagmorgen in Diessen die Pendler an Bord, um über den See zum Zug nach München zu kommen. Und wenn die Wallfahrer nach Andechs schipperten, blieb ein Mann beim Boot am Steg und der Rest der Mannschaft pilgerte mit auf den Heiligen Berg und zu seinem Bier, von dem der Kapitän keinen Schluck trank.

Inzwischen sind es noch drei auf dem Schiff, einer kassiert, einer steuert und regelt, einer macht alles mögliche andere, denkt er sich, er wohnt ja jetzt in Landsberg und nach München fährt er eigentlich auch nicht mehr. Heute aber holt er seine Tochter mit der Enkelin vom Flughafen, die lebt inzwischen weit weg über dem Meer auf einer Insel, na ja, er ist selbst schuld, hätte er sie mal nicht Englisch studieren lassen sollen. Er war schon über achtzig mal da, das reicht jetzt, vom Flughafen holt er sie noch ab, aber sonst muss er nicht mehr groß raus.

Dann holt er Bilder heraus, von der hübschen Enkelin im schönen Landsberg, eine Fotokopie mit Jugendbildern von seiner Frau und ihm, sehr fesch. Viele Jahrzehnte sind seit dem vergangen, „mal muss der eine was dazu geben, mal der andere, dann geht’s zusammen”, so ähnlich sagt er es, als ich am Ostbahnhof raus muss und er weiter zu seinem Hafen fährt. Ja, da hat er recht. Und wenn man zwischendurch auf See ist, klappt das wohl noch besser.

Die Arbeit im Kochbüro läuft dann wie geplant von der Hand, die Anrufe und Mails sind entweder freundlich oder nützlich, die Speisekarte für den Abend ist fast fertig, der letzte Schliff legt sich von selbst darauf und als ich zum Kopierladen gehe, ist da nun ein Geschäft mit südamerikansichen und spanischen Spezialitäten drin mit einem netten Lächeln hinter der Theke: „Die sind jetzt da drüben.”

Und dort scheint es ihnen gut zu gehen, es ist schön, bunt und großzügig, die Chefin ist so gut gelaunt wie ich sie noch nicht erlebt habe und als sie sagt, das dauert ein bisschen, gehe ich noch mal zurück in den alten Laden mit dem netten Lächeln auf einen Kaffee, die neue Wirtin strahlt noch mehr als vorher und macht einen wirklich guten Kaffee, was man in Südamerika selbst nur selten bekommt, sagt zumindest Michael der Fotograf. Wir plaudern, sie kommt aus Ecuador. Zurück zur Kopiererin, sie ist bereits am Zusammenheften und ich helfe ihr beim Rest, dann gehe ich mit 70 kleinen Kochbüchern zurück in Richtung Büro – und es ist noch nicht mal Mittag.

Beim Friseur ist gerade noch was frei, fein, ist eh schon viel zu lange nötig. Wir plaudern und schweigen und es ist jedem recht, wobei, oha, ganz so kurz sollte es jetzt auch nicht sein, aber ab ist weg. Nun bleibt sogar noch Zeit fürs Mittagessen im Stammcafe, Pasta mit Kapern und Sahne. Dann alles gepackt, gut in der Zeit, das Taxi gerufen und nun klingelt noch mal das Telefon. Wenn ich drangehe, komm’ ich zu spät. Aber das Band höre ich wenigstens noch ab. Eine Filmproduktion. Jemand hat ihnen meine Anzeige geschickt und sie brauchen ein Journalistenbüro für eine Dokumentation. Prima, gutes leicht verdientes Geld.


Was ist das? Und wie lautet der Fachbegriff für diese Pfanne?

Jetzt aber schnell im Taxi in die Stadt, wo später sechzig bayerische Banker und sechs Köche tatsächlich alles machen, was ich ihnen sage, selbst als sie Eis am Stiel in eine riesengroße Bratpfanne legen sollen. Aber das ist eine andere Geschichte – und war ein Abendessen. Allerdings eines, das diesem geglückten Tag würdig war. (Es gibt Bilder. Später.)


Tasse Kaffee mit Frankfurter Kräuterbutterbrot nach getaner Arbeit



12 Kommentare zu “Vom Glücken des Tags”

  1. Ike (der ewige Kritiker)

    Um es mit den Worten eines guten Freundes auszudrücken:
    “Fuckin’ Dolce Vita!”

    So muss es laufen…

  2. kaltmamsell

    (Bin ja immer noch zu keinem Schluss gekommen, ab wann der Mensch sein Alter als wichtigste Information vor sich her trägt: “I bin ja scho dreiadachzg Joah!” Der Mitbewohner testet gerade die Marotte, ständig “I bin ja schon neinadreißg Joah!” zu rufen und geht Kollegen damit gehörig auf die Nerven.)

  3. Katia

    6 Köche auf 60 Banker?….Da bin ich aber gespannt, was da abgeht!!

    Leider kann man die beiden Bilder nicht sehen….

  4. Valerie

    Das sieht mir aber nach Tofu-Eis aus, oder? ;-) Oder, bei nähere Betrachtung kämen auch Feta oder Halloumi in Frage….

  5. georg

    sieht nach tofu am stiel aus, oder feta? und die pfanne ( wenn’s denn eine ist ) nennt sich kipperpfanne, oder? kipperpfannenstieltofu.

  6. fressack

    Auf jeden Fall kein Fleisch und damit verschwendete Energie/Zeit/Datenspeicher….
    Frankfurter Kräuterbutterbrot? Heimweh?

  7. SEBASTIAN

    Sehr hübsch, Ike, ich sprüh’s an jede Wand…aber ohne Altersangabe, Frau Kaltmamsell, denn „i bin ja erst…”
    Die Bilder sind ja nun da, Katia, und die richtigen Antworten auch, Valerie & Georg: Tofu am Stiel (bzw. „Holzmundspatel”) in der Kippbratpfanne vom Bankcasino, später serviert mit Sojahonig, Sesam, Ingwer, Lauchzwiebeln und Forellenkaviar. Wie-koch-ich-Leser kennen das mit Ei, was aber nicht frisch verarbeitet werden darf im Bankcasino, daher die Lollies. Und die werden in Japan klassisch mit einer Paste aus dunkler mit Zucker und Sake verkochter Miso-Paste bestrichen. Mein Tofu-Überzeugungs-Essen, vielleicht sogar für Fressack, denn am Brot ist ja auch kein Fleisch…

  8. Katia

    Ja, habe ich gesehen!

    Isst man die berühmte grüne Sauce auch auf Brot?

    Witzig witzig, wie haben es denn die steifen Banker gefunden?

  9. georg

    aha! haben wir jetzt was gewonnen? vielleicht einmal aaaah sagen, dabei einen mundspatel auf die zunge gedrückt kriegen und eins dieser tofueisteile gefüttert bekommen? vom herr bankdirektor persönlich bitte.

  10. margret

    Glück ist, wenn mans wahrnimmt. schön geschrieben.

  11. SEBASTIAN

    Ach, beim Kochen ist keiner steif, Katia, und es hatte auch nichts mit „Teamkochen” zu tun, sondern war einfach für die Freude. Details vielleicht mal später. Preise nicht, Georg, auch wenn das verlockend klingt. Glück kann nach Margret dann auch ein Butterbrot sein, vor allem wenn drauf Kräuterbutter mit Petersilie, Schnittlauch, Borretsch, Kerbel, Pimpinelle, Zitronenmelisse und Kresse drin ist.

  12. fressack

    Tofu? Niemals.
    Und Brot esse ich nur, damit die Wurst nicht herunterfällt, bzw. ich die Streichwurst nicht löffeln muss.
    So.

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