Kakaosaufen wird korrekter

Es war eines der ersten Male auf dem Bauernhof meiner Schwiergereltern, als ich zusah, wie ein Kalb geboren wurde. Es war ein Wochenende im Winter, kann gut sein, dass Schnee lag im Vogelsberg. Die Mutterkuh hatte den ganzen Samstag geblökt, bis es zur Kaffeezeit hieß: Jetzt kommt es. Der Schwiegervater und der Bauernfreund von weiter unten an der Hauptstraße standen im Stroh, graue Gummistiefel, ausgebleichter Blaumann, Schildmütze, und riefen sich kurze Befehle zu. Schäferhund Rex winselte aufgeregt, die Schwiegermutter stellte einen Eimer heißes Wasser an die Tür so wie in den alten Filmen, wenn der Arzt sagt: „Heißes Wasser, bitte”. Und ich machte Fotos. Im Nachhinein lachten wir darüber.

Wie tot rutschte plötzlich das Stück Tier aus der Kuh ins Stroh, lang und weich, als wären keine Knochen darin. Ein zaghaftes Zucken, dann ein wildes Strecken und suchen, ohne vom Fleck zu kommen oder die Mutter zu finden, denn jetzt war die ganze Welt um es herum. Es schaute wie gelähmt aus seinen milchigen Augen, als Rex den Schleim von ihm leckte, bis die Mutterkuh ihn beiseite schubste und das selbst übernahm.

Ein gutes Dutzend Kühe hatten sie damals vor über 20 Jahren, gerade noch genug, um ihnen Namen zu geben und all ihre Eigenheiten zu kennen. Natürlich, es waren Nutztiere, Milchvieh dazu, denn reine Fleischrassen sind bis heute selten in Deutschland. Sie waren nicht bio, aber auch noch nicht bse, sie waren eine Wert und der Misthaufen war einer der größten im Ort. Im Sommer wurden sie am Morgen über die Hauptstraße auf die Weide getrieben und am Abend wieder zurück und keiner der Pendler aus dem 600-Einwohner-Dorf wäre auf die Idee gekommen, zu hupen oder auch nur ungeduldig zu werden, wenn er hinter so eine Herde geriet. Und es gab damals einige Kuhherden dort.

Heute gibt es eigentlich nur noch Pendler. Eine Handvoll Bauern haben noch Kühe, der Schwiegervater gehört nicht mehr dazu, und die Söhne vom inzwischen gestorbenen Bauernfreund müssen schwer schuften, um ihre paar Rinder durchzubringen. Wer hier Milch will, bekommt sie im H-Pack beim Bäcker, denn „die Berta” hat zugemacht; die Kinder jener Krämerin, die jeden im Ort und alle Gerüchte kannte und zur Not auch noch später am Samstag aufmachte, Bertas Kinder haben den kleinen Laden in der Mitte des Dorfes nicht einmal so lange weiterführen können, dass es hieß: „Ich geh mal schnell Bananen holen bei der Susanne (Name von RDM geändert).” Einmal wollte ich dort einen Becher Quark kaufen, einer war noch da und er klebte fest im Karton, weil er ausgelaufen und wieder angetrocknet war. Am Ende wurde nichts Neues mehr bestellt und es sah bald aus wie in einem HO-Laden der DDR kurz vor der Wende.

„Ihr sauft den Kakao, durch den sie euch ziehen”, hatte ich gerne in den Jahren vorher zu den Leuten gesagt, wenn sie sich wieder zum Aldi in der Kreisstadt auf die Jagd machten. Also sich ausgerechnet bei denen gesund sparen wollten, die ihren Berufsstand so krank gemacht hatten, weil sie Lebensmittel immer wertloser in Deutschland gemacht und damit immer mehr Kleinbauern zum Aufgeben gebracht hatten.

Milch ist für mich eines der faszinierendsten und besten Lebennsmittel die ich kenne. Schon solo finde ich sie einmalig, und was erst alles daraus werden kann: Sahne, Joghurt, Quark, Dickmilch, Kefir, Schmand, Butter, Buttermilch, Molke, Créme fraîche, Mascarpone, Clotted Cream, Hunderte von Käsesorten. Und Kakao. Was für ein reiches Geschenk!

Und jetzt ratet mal, was ich davon halte, dass ein Viertelkilo Butter bei Aldi nicht mehr 79 Cent, sondern 1,19 Euro kostet.



31 Kommentare zu “Kakaosaufen wird korrekter”

  1. Schröderludchen

    Ich habe noch nie einen Leserbrief geschrieben, aber der Artikel ist es wert: Bestens! Wahrscheinlich -a: weil wir auch mal Kühe hatten, -b weil wir auch mal zwei (!) Läden in einem 600-Einwohner-Dorf hatten, c- weil ich heute Morgen im örtlichen Blatt von Leuten gelesen habe, die auf der Suche nach zwei Stücken noch billiger Butter drei verschiedene Läden in der nächsten Stadt angefahren haben. Himmel hilf!

  2. Lars Breidenbach

    Schöne Geschichte, da bin ich doch froh in einem Dorf zu leben indem es richtig gutes Obst und Gemüse beim Bauern zu kaufen gibt und einen Metzger mit eigener Produktion. An den Tagen, wenn der Räucherofen im Betrieb ist zieht ein wunderbarer Duft durchs Dorf….aber Milchvieh ist hier auch so gut wie ausgestorben. Ich hoffe jetzt nur, dass die Milchbauern auch langfristig von den Preiserhöhungen profitieren und nicht nur die Molkereien und Händler.

  3. georg

    kenne diese erlebnis des kalbens gut. ein kleiner bub war ich, und die tante hat mich mitten in der nacht geweckt als das kalb rausgeflutscht ist. da stand ich dann mit meinem schlafanzug und in gummistiefeln, hab genauso ungläubig geglotzt wie das kalb. ein paar tage später hat der onkel dann eine sau geschlachtet, mich das blut rühren lassen das aus dem aufgehängten vieh lief. zum mittag gab’s das gesiedete kopffleisch mit butterbrot. immerhin hat sein sohn die landwirtschaft übernommen und züchtet lokale rinder biostyle.
    jetzt frag mich mal was ich von aldi überhaupt halte…

  4. Kaffeebohne

    Genau über dieses Phänomen habe ich letzte Woche mit meiner Schwägerin gesprochen, in deren Heimatdorf im Hunsrück jetzt auch der Tante Emma Laden geschlossen hat.
    Ich befürchte nur, dass diese Thematik nur von denen so gesehen wird, die sich dafür interessieren was sie essen und wo ihre Lebensmittel herkommen. (Genau diese Leute haben sich auch ‘we feed the world’ angeschaut). Die anderen merken es dann, wenn es in Deutschland gar keine Milchwirtschaft mehr gibt und wir die Milch aus dem Ausland importieren.
    Bei meinem Biobauern kam letzte Woche ein Kunde und verlangte nach einem Hokkaido-Kürbis. Ihm war es egal, dass der in Deutschland noch nicht wächst. Im Supermarkt gäbe es doch auch schon welche. Ich habe dann mal geschaut. Unser Supermarkt führt gerade Hokkaidos aus Australien. Brauche ich das, wo ich a) Kürbisse mit Herbst in Verbindung bringe und b) mein Bauer im Herbst so viele erntet, dass er damit die Kundschaft tot schmeißen könnte? Nein, ich nicht. Aber wie viele Leute in meinem Alter wissen denn noch wann was Saison hat.
    Nur, wie lösen wir das Problem?

  5. Gabriele

    Toller Beitrag, Sebastian. Ich frage mich auch schon lang, warum ein Liter Milch in Europa billiger ist als ein Liter Cola. Der Aufwand, der nötig ist, um Milch zu gewinnen, kann unmöglich weniger wert sein (das ist überhaupt der springende Punkt, Wertigkeit mal unabhängig vom Preis zu betrachten) als industriell hergestellte Zuckerbrause. Vom materiellen und arbeitstechnischen Aufwand der aus Milch Käse werden lässt ganz zu schweigen. Das Thema regt mich wahnsinnig auf. Aber wir können wohl nichts tun, außer weiterhin Prioritäten setzten. Gute und ihren “Preis-werte” Lebensmittel zu kaufen und das, was wir (im Gegensatz dazu) nicht zum Leben brauchen hintanstellen oder ganz weglassen.

  6. Maria

    @ kaffebohne: rhetorische frage?

    ich denke, dass wir das problem lösen, indem wir darüber reden, diskutieren und handeln. also nach saison einkaufen und kochen, die kleinen bauern unterstützen und sich den idealismus bewahren, dass wir beim weihnachtsessen kein vanilleeis mit frischen erdbeeren (höchstens heiße aus der tk-truhe) usw. und das leute wie der sebastian, die doch eine gewissen prominenz und meinungsbilderfunktion haben darüber reden und auch machen.

    um neues auszuprobieren, rauszufinden, was gerade saison hat und danach zu kochen würde ich sehr gerne so eine bio-kise abonnieren, aber oh wunder, das gibts natürlich nicht bei mir. ich glaub ich leb in einem weißen fleck auf der landkarte. schade.

    sehr schönes buch zum thema finde ich übrigens das buch von leo hickmann: “fast nackt – mein abenteuerlicher versuch ethisch korrekt zu leben” der autor ist redakteur beim guardian, london. lebt auch in london und versucht dort eben z.b. auch biogemüse aus der region zu bekommen. geht das mitten in london? das buch ist urkomisch, aber enthält trotzdem zimlich viele denkanregungenen.

    zum thema film: we feed the world. den film fand ich gut, hab ihn aber eigentlich erst dann richtig verstanden, nachdem ich das buch dazu gelesen hatte…

  7. Gabriele

    Passend dazu: “Der Wert der Lebensmittel” in der heutigen SZ auf Seite 4. Hätte gern verlinkt, Artikel ist aber leider online nicht verfügbar.

  8. kaltmamsell

    Es gibt kein besseres Beispiel für kognitive Dissonanz als einen Landwirt, der sich über die Milch- und Fleischpreise beklagt, die ihn kaputt machen, während er zum Lidl einkaufen fährt.

  9. Petra S.

    dazu die heutige Karikatur in der Augsburger Zeitung:
    Ein Herr im Anzug mit Stulle und einem Tetra-Pack Milch in der Hand sitzt auf einer Parkbank und spricht ärgerlich zu seinem Banknachbar
    “Hartz IV- Empfänger, aber Sektfrühstück!” Darauf der Herr an anderen Ende, leicht abgerissen mit einer Flasche und einem Glas prickelndem Sekt
    “Milch kann ich mir nicht mehr leisten!”

  10. SEBASTIAN

    Na prima, zwei Tage Mittagessen verbummelt, und zur Belohnung gibt es eine anständige Diskussion. Obwohl – im Moment scheinen wir ja alle einer Meinung. Den Meldungen nach zu urteilen gibt es da aber auch andere Stimmen, vor allem weil jetzt gleich alles teurer werden will. Ich warte noch auf den Vorwurf, dass ich doch auch mal an die HartzIV-Empfänger denken soll!

    Dank Petra S. habe ich da zwar keinen Karikaturenlink gefunden, aber dafür eine kompakte Zusammenfassung bei AAZ. Schön dieser „alles wird teurer Beitrag” mit Film (und dem Vorwurf darin, dass man auf der einen Seite mehr Kalzium essen soll, aber wie denn, wenn die Milch nun teurer wird?) Dazu gleich der Notfallservice mit der schönen Schlussfrage:

    » Soll ich mich noch mit Milch eindecken, wird Milch gar knapp?
    Milch, Käse, Joghurt oder Quark in großen Mengen zu bunkern, dürfte schon wegen der kurzen Haltbarkeit wenig sinnvoll sein. (afp)

    Mehr Klarheit bringt das: “1970 musste ein Arbeitnehmer noch 22 Minuten für ein Päcken Butter arbeiten – heute nur noch vier.”

  11. Kaffeebohne

    @Maria
    Das Buch von Leo Hickman habe ich schon gelesen, außerdem gab es ein Jahr lang im Greenpeace-Magazin ein Kolumne von ihm.
    Eine Freundin von mir im Odenwald hat eine Biokiste. Was war am Dienstag drinnen: richtig, ein Hokkaido-Kürbis.
    Ich habe keine Bio-Kiste, da ich einen Bio-Bauern in der Nähe habe, der aber auch zukauft, da es sich für ihn nicht lohnt, wenn er nur seine Produkte verkauft. Außerdem möchte ich das Gemüse sehen, bevor es in meinen Korb wandert. Außerdem habe ich im Nachbarort einen Galloway-Züchter, der die Tiere zum Schlachten zwar in den Schlachthof fahren muß, aber das Fleisch dann selbst weiterverarbeitet und im Hoflädchen verkauft. Außerdem haben wir einen Naturkosthändler der anliefert, da der nächste Biosupermarkt (Alnatura) über 20 km weg ist. Außerdem vertreibt der Naturkosthändler nur Produkte aus den Anbauverbänden und nicht das ‘halbherzige’ bio mit Künast-Siegel.
    Aber ich glaube nicht, dass man andere davon überzeugen kann. Die fahren lieber mit dem SUV vor den Kindergarten und beklagen sich darüber, dass alles so teuer ist und sie deshalb nur noch bei Aldi und Lidl kaufen können, aber ihrem Auto locker 12 L/km spendieren – abgesehen von den mindestens drei Urlauben im Jahr, drei Autos in der Garage. Beim letzten Kindergartenfest hat ein Vater sich bei mir beschwert, dass der Elternbeirat für eine 0,5l-Flasche Bier 2 Euro verlangt – zum Fest ist er mit seinem neuen Z3 gekommen.

  12. Chris

    Milch ist ein Nahrungsmittel, kein Getränk. Butter ist ein Gewürz, kein Schmiermittel.

  13. georg

    “butter ist ein gewürz”!!! super chris, der spruch des tages. im ernst.

  14. Antje

    Anstatt einer Euphorie über die gestiegenen Milchpreise halte ich es für sinnvoll, der von Lars bereits angemerkten Frage mal nachzugehen, wer von der Preiserhöhung der Milch tatsächlich profitiert. Hat irgendjemand von Euch einen Hinweis darauf gelesen, ob bei den Bauern auch nur ein Cent der Preissteigerungen ankommt? Eine entsprechende Angabe würde mich interessieren! Ich bin bisher auf dem Stand, dass die Preissteigerung eine Aktivität der Molkereien und Zwischenhändler ist (vgl. auch SZ, 1.8.07, Bauern sollen von Milchgewinnen profitieren, http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/288/126095/). Das einzig Positive, dass ich der Preissteigerung bisher abgewinnen kann, ist höchstens, dass eine Diskussion über die Produktionsbedingungen von Milch in den Gang kommen könnte.

  15. SEBASTIAN

    Stimmt, Antje, da klafft eine Lücke in meinem Beitrag wie in der öffentlichen Diskussion. Die Bauern erhalten in ihren neuen Verträgen mehr für die Milch – es sind, glaube ich, durchschnittlich 32 statt 26 Cent je Liter. Was dann aber erst einmal knappe 25% mehr sind – es ist ja von Preissteigerungen um 50 % die Rede.

    Auch die Art, wie das bekannt wurde, spricht dafür, dass es nicht nur ums Beste für uns alle geht: Die Preise wurden wortlos erhöht, Medien berichteten, Produzenten, Handel und Politik reagierten. zum Beispiel hätten ja auch die Bauern das Heft in die Hand nehmen können. Nicht gerade das perfekte „Krisenmanagment”, es sei denn, man schätzte die Krise als Werkzeug für seine Arbeit. Vielleicht auch, um die Diskussion um den Wert von Lebensmitteln in Gang zu bringen? Ich erinnere mich, dass Renate Künast vor einigen Jahren mal forderte, dass Disocuntern Dumpingpreise verboten werden und sie da in eine einmalige Allianz mit dem Bauernpräsidenten geriet. Dann eine Titelschlagzeile in Bild, und die Sache war erledigt. Soweit ich die Titelblätter sehe, schweigt Bild nun. Offenbar sind die Zeiten anders?

  16. duni

    Es ist gut und richtig, dass die Preise für Milchprodukte gestiegen sind. Das mediale Gezeter darüber ist eine Heuchelei: Natürlich gibt es in Deutschland arme Menschen. Merkwürdigerweise zieht der Vorwurf ” Wer soll sich das noch leisten können?”immer nur im Zusammenhang mit Essen und Trinken , um den Kauf von Discount-Produkten zu Dumpingpreisen mit allen daran hängenden Konsequenzen zu rechtfertigen. Ich habe noch nie ein Interview mit dem Häuptling von Porsche oder Mercedes gelesen, wo ihm vorgeworfen wird, dass sich “der Durchschnittsdeutsche/der Hartzvierler/die alleinerziehende Mami/die Großfamilie mit Migrationshintergrund”(haben wir alle Klischees beinander?) seine Karren nicht leisten kann.
    Spricht irgendwer aus, dass korrekt produzierte Lebensmittel auch was mit einem korrekten Preis zu tun haben, ist das Geschrei, die Empörung groß.

  17. Richard

    Selber kochen – selber informieren und dabei auf kompetente medien und multiplikatoren achten wie z.B. dieses forum, dann kauft man eben wieder schwäbisch-hallesches-schweinefleisch beim einzigen metzger der dieses fleisch in der niederbayerische stadt anbietet und freut sich über eine tolle kruste nach info aus “wie koch ich-krustenbraten” und die ganze familie lobt den braten, da kommt freude auf dank dieses forum und der linkhinweise ganz ohne linkscheiße! grins.

  18. SEBASTIAN

    Danke, Duni, wahre Worte – speziell den Porschevergleich wecke ich mir ein, um dann bei einschlägigen Diskussionen ein bisschen Chili zu geben. Grad weil er so schön aufs Klischee geht. Danke auch für die anderen schönen Beispiele (Schröderludchens Butterjäger, Kaffeebohnes Z-3-Biermauler) und Argumente, die auch mich wieder schlauer gemacht haben. Und danke natürlich auch Richard, der aber sicher auch jenseits unseres un meines Tagestellerrandes hier unterwegs sein wird.

    Das mit dem Selbermachen gilt auch fürs Selberkaufen – also versuchen, sein Essen möglichst ohne große Umweg über Händler zu besorgen. Das kann mühsam sein, ich weiß (Marias Lesetipp „Fast nackt” beschreibt das gut), und es muss ja auch nicht für alles gelten – aber wo es geht. In der Stadt eher nicht, zumal manche Erzeugermärkte gleich den Authenzitätsbonus draufschlagen, der es dann fast schon mit dem entfallenen Zuschlag für die Zwischenhändler aufnehmen kann. Und bei Milch, Butter usw. klappt es auch nicht richtig – denn die müssen bei uns schon rein hygienerechtlich fast immer noch den Weg über die Molkerei nehmen.

    Wobei ich absoluten Forderungen gegenüber immer skeptisch bin. Jetzt noch NZ-Braeburn kaufen, wo es schon die ersten duftenden Äpfel aus Europa gibt – blöd. Jetzt unbedingt noch weißen Spargel haben wollen – blöd. Aber bei allem drauf warten, bis es wirklich erst innerhalb der deutschen oder gar Landkreisgrenzen wächst – auch blöd.

  19. Maria

    genau clotted cream “wächst” ja leider gar nicht innerhalb deutschen landkreisgrenzen. aber da ich nun letzten monat in london dieses fette produkt lieben gelernt habe und es hier in die milchproduktaufzählung aufgenommen wurde: wo bekomm ich das hier her? hat jemand eine idee? oder kann man das selber machen? oder schmeckt das hier vielleicht gar nicht so gut, wie in england?

    milchpreise: haben die milchbauern nicht eine kampagne gestartet 40 cent pro liter milch? und jetzt bekommen sie 32 cent? immerhin bisschen mehr, trotzdem denke ich wird das nicht reichen um aus der massenproduktion rauszukommen. denn wenn sich hier wieder mehr geld verdienen lässt und anscheinend die nachfrage (in china) für deutsche milchprodukte da ist, dann wird doch alles versucht werden um aus der kuh noch mehr milch rauszukriegen. oje.

    und überhaupt: ist eigentlich der preis für irische butter auch gestiegen oder nur für die deutsche butter?

  20. kaltmamsell

    Clotted Cream gibt es in München beim Kaufhof am Marienplatz im Kühlregal: natur und brandy flavoured.

    (Mit dem Auto selbst von Erzeuger zu Erzeuger zu fahren, ist am blödsten. Oder wie es in einem schön ausgewogenen Zeit-Artikel stand: “Bei aller Kritik hat die Industrialisierung der Nahrungskette auch Vorteile. Die Hygiene lässt sich bei großen Fabriken viel besser überwachen als in Tausenden Kleinbetrieben. Und mag es auch befremdlich wirken, dass Kühltransporter täglich riesige Mengen Schweinefleisch in die Supermärkte karren: Ein paar Lastwagen verbrauchen allemal weniger Sprit, als wenn Hunderte Großstädter selbst mit ihren Autos die Hofläden im Umland abklappern, um sich einzelne Schnitzel aus der Hausschlachtung zu besorgen.” http://www.zeit.de/2006/20/01_leit_1_neu?page=all )

  21. SEBASTIAN

    Uiuiui, Clotted Cream mit Brandy-Geschmack! Soweit ich weiß, wird für clotted cream Rohmilch Rohsahne ganz sanft und lang dickgekocht (nein, eben nicht gekocht), bis sie halt diesen ganze eigenen Geschmack hat, den weder Mascaprone noch Crème double haben und der mit Scones, Erdbeermarmelade und Tee zuammen Romane heraufbeschwören kann, gegen die dieser Proust mit seinen Madeleines eine alte Oma ist. Hier ein Rezept zum Selbermachen garniert mit ein paar schönen englischen Fachausdrücken, die ich viele lieber erahne als verstehe.

    Es kommt halt drauf an, was man sucht, Kaltmamsell. Wenn es um Hygiene geht, bin ich wie gesagt auch ganz froh, wenn die Milch erst mal durch eine gescheite Molkerei läuft, bevor sie dann zu mir kommt. Das Gleiche gilt aber auch für McDonald’s versus Imbissbude, und die Burgerbrater werben auch gerne damit, dass bei ihnen alles garantiert industriell rein und sicher ist. Die kleinen Käsemacher in Frankreich und der Schweiz haben dafür immer mehr ihre Mühen, ihre Traditionskäse noch natürlich reifen zu lassen – in der Milch wie an der Luft fehlt es einfach an Bakterien.

    Dumm auch, wenn zum regional zu kaufen lange mit dem Auto rumfahren muss – schon erwischt es einen dann global, Klimakrise! Eine Alternative sind Erzeugermärkte (zu denen die Erzeuger aber auch mit vielen Kleinlastern statt einem großen Lkw vom Land in die Stadt fahren) oder in München die „Unser Land Produkte”: Eine Wiederauffrischung des Genossenschaftsgedanken, wofür sich erst im Landkreis Fürstenfeldbruck Landwirte zusammengetan haben, um unter der Marke „Brucker Land” Milch oder Brotgetreide (das dann von örtlichen Bäckern verarbeitet wird) zu Produkte aus der Region in der Region zu verarbeiten und zu vermarkten. Dem sind dann andere Landkreis rund um München gefolgt, bis daraus „Unser Land” wurde, das nun auch Senf, Honig oder Kürbiskernöl aus der Umgebung in Münchner Supermärkten anbietet. Nicht ganz billig, nicht zwingend bio, oft sehr gut. Mehr dazu hier. Gibt’s so was auch anderwo?

  22. kaltmamsell

    Vielen Dank für das Clotted-Cream-Rezept! Das ist ja dann Panna Super-Cotta (nicht Rohmilch, sondern Rohsahne) ohne Zucker und Gelatine. Warum sollte das nicht auch mit der handelsüblichen Sahne funktionieren?

    Ich habe mir eingebildet, dass es “Unser Land” auch in Augsburg gibt; wohl ein Irrtum, taucht nicht unter den Verkaufsstellen auf. Das Konzept ist mir sehr sympathisch.

  23. SEBASTIAN

    Hm, vielleicht haben sie es auch schon bis Augsburg geschafft und es steht noch nicht hier im Überblick. Sichere Anlaufstellen sind alle Tengelmanns, Rewes und Edekas (= Camembert ohne L) in und um München. Vielleicht weiß unsere Mittagskorrespondentin in Augsburg mehr? Und bitte auf dem Laufenden halten, wenn die Clotted Cream (Rohsahne, natürlich) ausprobiert wird, Frau Kaltmamsell.

  24. SEBASTIAN

    Anschlussfrage, die sich gestern bei einem kurzen Gespräch während eines wunderbaren Seegrillfestes stellte: Ist es PR-technisch klug oder doof, während der Sommerferien seine Preise zu erhöhen? Klug, weil die meisten Kunden gerade im Urlaub oder beim Grillen sind? Doof, weil es ein gefundenes Fressen für die grantig im Büo zurückgebliebene Redakteure ist, die sonst jetzt nur saure Gurken auf die Schlagzeilen bekommen?

  25. kaltmamsell

    Wenn man eine Nachricht verstecken möchte, lanciert man sie am besten in einer nachrichtenreichen Zeit, und dann am Freitag gegen 18 Uhr: Wenn sich die Medien um Königshochzeiten, Weltmeisterschaften, Wochenendwetter, Bundestagswahlen und Flutkatastrophen tummeln, fällt eine Preiserhöhung wahrscheinlicher unter “langweilig”. Und was nicht in den Medien stattfindet, findet überhaupt nicht statt.

    (Worauf sich allerdings auch die beste PR-Expertin nicht zu 100 Prozent verlassen kann.)

  26. Andrea

    Solidarisches Händeschütteln mit dem Beitrag, Sebastian! Bei mir fangen die Augen an zu glitzern, wenn ich gutes Brot sehe, rieche, angreife, schmecke und esse. Liegt wohl daran, dass mein Vater ein Bäcker mit Herz und Seele ist und ich in einer kleinen feinen Bäckerei aufgewachsen bin. Wenn ich heute ab und zu meine Eltern in Tirol besuche, schnuppere ich als erstes kurz in die Bäckerei rein, und dann glänzen die Augen wieder :-)

  27. Maria

    der beste zeitpunkt ist doch sowieso immer schwer zu treffen, aber auf keinen fall sollten die kunden das gefühl haben, dass die preiserhöhung hinter ihrem rücken gemacht wurden. ich würde sagen, dass pr eine gute argumentation für die preiserhöhung haben muss und eine pressemitteilung in der hinterhand, falls die zurückgebliebenen redakteure, das saure gurkenglas aufmachen.

  28. TH

    Das Problem ist meinesachtens, daß wir im Agrarsektor kaum noch “richtige” Bauern haben. Die meisten (zumindest diejenigen, die auch ökonomisch erfolgreich sind) produzieren doch gar nicht mehr nachfrageentsprechend, sondern subventionsoptimierend. Wir haben längst keine Marktwirtschaft mehr, sondern fördern die Produzenten in erster Linie aus Traditionsgründen, ohne daß es auf die Waren wirklich ankommt. Würden wir uns nur noch auch Importe verlegen und sämtlichen heimischen Landwirten Arbeitslosengeld zahlen, würden wir es wahrscheinlich kaum merken – kann das Sinn der Sache sein!? Ich will jedenfalls lieber einen höheren Preis für Lebensmittel zahlen als mich an der Kühltheke über die tollen Sonderangebote zu freuen und das alles stattdessen durch die Hintertür durch Steuern zu finanzieren. Leider haben sich aber vielen Bauern und deren Funktionäre mittlerweile ganz gut mit dem System der Quoten und Subventionen arrangiert…

  29. SEBASTIAN

    Na, dann war das ja fast gesellschaftlich verantwortlich von den schusseligen Milchhändlern, die Medien so großzügig mit Schlagzeilen zu versorgen, Kaltmamsell. Da wäre es vielleicht klug gewesen, sich im Sinne Marias ein bisschen mehr um die „Beziehung zur Öffentlichkeit”, kurz PR, zu kümmern – als Bauer wie als Milchmann. Die Rede vom hohen Wert der Lebensmittel, die wir hier pflegen, würde ich dort aber eher nicht glauben.

    TH’s Argumentation passt da ganz gut, weswegen ich den Link mal großzügig ignoriere. Interessant ist ja auch, dass es vor allem die weltweit steigende Nachfrage nach Milchpulver ist, die die Preise treiben soll – das vor allem für Fertiggerichte und sonstige industrielle hergestellte Lebensmittel gebraucht wird. Inzwischen hat ja auch Bild die Kurve gekriegt und eine interessante Verbindung zwischen Backöfen und Klimkatastrophe geknüpft (ungefähr: „Brot wird teurer, weil Autos mit Getreide fahren”), so dass ich mir jetzt mal sage: Abwarten und Butterbrot essen.

  30. Richard

    i sog`s ja wos ma ned ois lerna ko beim mittagesser – sogar daß bayernpartei no gib`d i hed denkd de san scho lang unsibventioniert g`storm.

  31. SEBASTIAN

    Ebent, Richard. Wobei das ein kurioser Zufal ist, weil… ach, noch zu früh.

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