1. Kulinaristik-Vorlesung: Rettet das Mittagessen

Wer gleich wissen will, was sich hinter der Überschrift verbirgt, eilt an den Schluss des Textes.


Letzten Donnerstagmittag in Frankfurt

Als das hier losging, war es erst einmal Privatsache. Zwölf Freunde im Bekannten-, Kollegen- und Familienkreis bekamen mehr oder weniger täglich ein Rundmail mit einem Bericht vom letzten Mittagessen und den Erlebnissen drumherum. Erst mal nur für sich selbst, dann mit der Erlaubnis des Weiterschickens und Einladens von Mitlesern. Dann wurde daraus dieses Blog und so langsam merkte ich, dass meine persönliche Marotte „ein Thema” war, wie es so schön heißt. Mittagessen kennt jeder und vermissen viele, was immer eine gute Eröffnung für Smalltalk in aller Richtungen ist (so wie verschollene Eissorten aus der Kindheit oder die Erinnerung daran, als man im Geheimtippurlaub noch unter sich war). Dass es hier weder um trauernde Nostalgie, militante Bürgerhungerwehr noch um einen Mittagserfolgsrezeptservie to go geht, wissen wir inzwischen.

Mir geht es darum, die Menschen freundlich fürs gute Essen zu begeistern, und das kann auch ein Frühstück, Abendbrot oder wegen meinermir selbst ein Brunch sein. Mein Ding ist aber das Mittagessen, weil es im Grunde eines unserer größten, sogar tarifrechtlich abgesegneten Rituale ist, zu dem wir uns jeden Tag zwischen zwölf und zwei versammeln. Manchmal, wenn ich zu Mittag vor mein Kochbüro trete und an Läden und Lokalen vorbeiziehe, hinter denen gerade alle das Gleiche tun, wie gut oder schlecht auch immer, und mich dann wieder hier an den Tisch setze, um drüber zu schreiben, fühle ich mich schon sehr zu Hause in der Welt – praktisch mit ihr an einem Tisch.


Letzten Samstagmittag in München: Allerlei sehr Gutes vom Rind und Schwein
im Pschorr, der einen fast schon wieder mit der Schrannenhalle
versöhnen kann

Mein Weg zum aufgefrischten Essbewusstsein geht dabei eher über die Verhaltenstherapie („Komm, lass uns was Gutes essen!”) als über die Psychoanalyse („Weißt Du noch, wie es früher geschmeckt hat?”). Und statt die Angst weiterzutragen, die mich aus jedem fundiert empörten Foodwatch-Bericht anspringt, koche, esse und schreibe ich tapfernaiv lieber vom Guten in der Foodwelt, frei nach Oscar Wilde: „Essen ist viel zu wichtig, um es ernst zu nehmen.”

Nun wird Mittagessen im Moment aber sehr ernst genommen. Als die Meldung kam, dass auch in Deutschland nun die Ganztagsgsschule kommt, dachte ich erst: „Wärst Du jetzt Gastrounternehmer, wäre das Dein neuer Geschäftsbereich.” Inzwischen drehen sich neun von zehn Meldungen, die zum Stichwort „Mittagessen” im Netz auftauchen, um den Preis: täglich 2,50 bis 3,50, wie man das bisher gerechnet hat, 1,15 Euro, was dem niedrigsten Hartz-IV-Satz entspricht oder 1 Euro, wohin manche Kommunen das Schüleressen subventionieren. Und unser Jamie Oliver heißt Jürgen Rüttgers.

Am kommenden Montag findet sogar ein Mittagessensgipfel in Sachsen statt, zu dem ich vielleicht sogar hin gegangen wäre, wenn ich nicht was Besseres vorhätte:

RETTET DAS MITTAGESSEN in der Hochschule Kempten

Die Internet-Aktion „Rettet das Mittagessen” begibt sich wieder in das wahre Leben und wird wissenschaftlich. Im Rahmen der Initiative proGASTRONOMIE hält Aktionsgründer und Bestsellerautor Sebastian Dickhaut am 22. Oktober um 20 Uhr die 1. Kulinaristik-Vorlesung in der Mensa der Hochschule Kempten. Thema: „Rettet das Mittagessen – vom Erlernen und Erhalten einer kleinen Alltagskunst”. Der Vater der Kochbuchreihe Basic cooking wird vor interessierten Fachleuten und leidenschaftlichen Gästen unter anderem über „12 gute Gründe fürs Mittagessen” und den Typus des „Mittagesen” sprechen, gefolgt von einer abendlichen Mittagsdemonstration für 4 Personen.

proGASTRONOMIE ist eine Initiative der Hochschule Kempten, der Hotelfachschule Bad Wörishofen und der Aktienbrauerei Kaufbeuren mit dem Ziel, Aus- und Weiterbildung sowie Qualitätsbewusstsein in der Gastronomie zu fördern und zugleich Sympathiewerbung für das Gastgewerbe zu machen.

1. Kulinaristik-Vorlesung: „rettet das mittagessen“
Montag, den 22. Oktober 2007, 20.00 Uhr, Mensa der Hochschule Kempten, Bahnhofstraße 61
Eintritt frei

Also, wer im Allgäu ist und kein Feind von so verspäteten Einladungen wie dieser, ist herzlich willkommen. Vorher Abendessen nicht vergessen! Details: www.progastronomie.de


Diesen Mittwochmittag im Kochbürohof: Die neue gute XXL Pizza
mit Ricotta und Tomate



1 Kommentar zu “1. Kulinaristik-Vorlesung: Rettet das Mittagessen”

  1. Notizen für Genießer

    Kochbuch-Verlag engagiert Blogger für Web-Community

    Deutschlands größter Kochbuch-Verlag Gräfe & Unzer drängt ins Web. Zum 1. Dezember 2007 wird ein neues Kochportal online gehen.

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