Hessenmittag


„Deckelcher” – Hessens Antwort auf Tapas (= „Deckel”)
in Form von Apfelweinbrot mit Leberwurst auf Geripptem,
gesehen im Goldenen Engel zu Bergen-Enkheim

Davon muss ich einfach noch erzählen, bevor das Jahr rum ist, von diesem Rundumwohlfühlsonntag, an dem ich keine Sorge hatte, irgendwann was Schlechtes zu essen, zu trinken oder zu reden, weil sie wirklich alle gut zu mir waren und jeder von uns auf der gleichen Welle sendete. Was – sorry München – damit zu tun hatte, dass es in Frankfurt passierte. Da, wo man lieber über sich selbst als über andere lacht, wo man sisch verschteht, weil ewwe alle isch zu sisch sagen; da wo isch herkomm.

Und am Samstag vor zwei Wochen bin ich da hin gefahren und habe am Abend bei Tante und Onkel Käsebrot und Hühnersuppe gegessen und am Morgen Kartoffelbrötchen mit Quittengelee und dann bin ich nach Frankfort rein zum Dornbusch, wo der Hessische Rundfunk seine Sonntagvormittagsendung HR3zeit noch live sendet mit Leuten wie Till Schweiger und Tim Mälzer im Studio.

An der Pforte holte mich dann eine extrem gut gelaunte Frau ab, mit der man gar nicht anders als sofort ins Gespräch kommen konnte, bis man – schwupps – in einem Studio stand und irgendwann war die Musik aus und das Mikro an und die Frau klebte da dran wie ein kleines Mädchen an ihrem ersten Eis und als sie sich vorstellte, bekam ich fast einen Vogel – Martina Regel, die Martina Regel, die ich noch in Hessen schon immer gehört hatte und die auch im wahren Leben so was von Radio ist, dass es eine Naturgewalt ist.


Martina Regel, amateurhaft festgehalten in einem kurzen Moment der Ruhe –
irgendwie lässt sich Essen leichter fotografieren.

In den nächsten drei Stunden redeten wir immer wieder mal übers Kochen und Essen, wie mache ich eine Gans, was sind die besten Weihanchtsmenüs für Doofe, Lahme und Arme, pardon, ich meine natürlich, die jeder kochen kann, die schnell gehen, die günstig sind. Off the record dann noch ein paar Weisheiten fürs weitere Leben von einer, die schon einiges erlebt hat, dazwischen immer wieder Anrufe von Hörern, die auf faszinierende Weise von zwei Damen im Hintergrund verwaltet wurden (inklusive digitaler Einblendung, wenn ein Radiotroll in der Leitung ist sowie Aufnahme der besten Fragen für die Einspielung während der Sendung, wo ich sie dann perfekt beantworten konnte). Klasse war’s und wer jetzt Hunger bekommen hat – hier sind sie, die Menüs.

Währenddessen schien draußen die Mittagssonne vom Himmel und ich wählte eine Nummer, die ich mir für alle Fälle schon mal zurechtgelegt hatte – Goldener Engel in Frankfurt Bergen-Enkheim, von dem ich schon Gutes gelesen hatte in den einschlägigen Medien und man erkannte mich dann auch gleich am Telefon und schlug den besten Tisch frei für den Restaurantkritiker aus München – so mache ich das ich das immer, müsst Ihr wissen. Zumindest, wenn eine Internetbekanntschaft ein neues Lokal eröffnet.

Und dann hocke mer in eener Wirtschaft, die ich mir so sehr in meine Münchner Nachbarschaft wünschen würde: traditionell ohne Tümelei und Retro-Ironie, geführt mit einer professionellen Leidenschaft, die über Jahre an der Frankfurter Gastrofront gereift ist, wo man leicht auch die Freude an der Branche verlieren kann.

Ein älteres Paar beim Schoppen, gutbürgerliche Familien beim Kalbsbraten, der Mittagesser bei einer echten Bauernbratwurst mit Zwiebelschmelz und handgestampftem Kartoffelpüree, später schneien noch ein paar junge Semester rein, die sich freuen, dass hier wieder auf ist und gleich mit dem genüsslichen Versumpfen anfangen – und mittendrin Wirt Fressack in der Lederweste am Bembel mit einem guten Spruch für jeden. Was für ein Hessenmittag!

Er ragte dann noch gefährlich in den Nachmittag, und weil es hier erstmal noch keinen Kaffee gibt, dafür aber eine Schnapskarte für Kenner wie ich keiner bin, der Wirt aber schon und so landen wir beim Brand vom Speierling, jener Frucht, die den Apfel erst zum wahren Äppler macht und leider auch gebrannt sehr gut ist…

…so dass ich wirklich einen sehr späten Zug zurück nach München nehme und versuche, mich mit Salzschokolade wieder auf die Erde zurück zu holen.

Woran ich mich aber noch gut erinnere: die Idee, dort im beschaulichen Herzen des europäischen Verkehrsdrehkreuzes mal ein Foodbloggertreffen zu organisieren. Also, isch bin dabei!

P.S.:


Tja, mein liebes München, und so schön können ein paar Hochhäuser mitten in der Stadt aussehen…


…vor allem, wenn man so einen Bahnhof dagegensetzen kann.


Bis bald mal wieder.



6 Kommentare zu “Hessenmittag”

  1. TheoH

    Danke für diesen informativen Bericht, ein schönes Beispiel dafür, welche reale Kontakte das Web knüpfen kann.

  2. TheoH

    Nachtrag
    @Foodbloggertreffen:
    fänd ich toll… würde gerne kommen

  3. Olaf

    Wie kann man anders als da sofort Heimweh zu bekommen?

  4. Jutta

    Was hab ich geweint, als ich, eine gebürtige Rheinländerin, aus dem Ahrtal an den Main ziehen musste – Hessen, bääh. Und wie ist es doch so schön hier, wie gerne wohne ich in der Wetterau, 20 km vom polarisierenden Frankfurt entfernt und nur 15 km vom “Engel” – den ich, Schande über mich – noch nie aufgesucht habe.

    Spätestens nach diesem herzerwärmenden Bericht sollte ich mich wohl schleunigst auf die Socken machen – ganz tief in meinem Innersten bin ich nämlich Hessin, die Rheinländer mögen mir verzeihen. Und mir Hesse, mir müsse zusammehalde, gell?

  5. Katia

    Hatte schon beim Fressack gelesen, dass Du der erste virtuelle Besucher warst, der dann ganz irdisch wurde……

    Sieht ja richtig klasse aus, beim Fressack, ja , sowas hätte ich auch gerne in Paris, und erst die Wurst………
    Treffen steht ja nun, am 19.4..

    Die Katze ist neu, oder?

  6. SEBASTIAN

    Na danke, Jutta, das liest man gerne und das garanteirt schon mal einen Sitzplatz beim Foodbloggertreff, denke ich (mehr dazu hier) – wobei ich ja als Neumünchner (das ist man hier auch nach 18 Jahren) gar nicht mehr sooo viel Wert auf Lokalpatriotismus lege, wobei speziell die Wetterau ja schon was sehr Schönes ist (habe bei der nach ihr benannten Zeitung volontiert). 20 km von Frankfurt?

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